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Vor 75 Jahren starben bei den ersten Bombenangriffen auf Fulda mindestens 574 Menschen. Hier die Szenerie auf dem Gemüsemarkt. Foto: Stadtarchiv

Fulda blutete aus vielen Wunden

am 04.09.2019

Mindestens 574 Tote bei Luftangriff von 1944/Gedenkveranstaltung am 75. Jahrestag

FULDA. Die Bonifatiusstadt blutete: Vor 75 Jahren starben am 11. und 12. September 1944 bei den ersten schweren Bombenangriffen auf Fulda mindestens 574 Menschen. Fulda glich nach dem Angriff an vielen Stellen einer Geisterstadt.

Der 11. (und 12.) September 1944 brachte einen ersten grausigen Höhepunkt in der Luftkriegsgeschichte unserer Heimat, der sich bis heute tief in das Bewusstsein der Bevölkerung eingegraben hat. Tonnenweise tödliche Luftfracht traf die Innenstadt Fuldas. Es gibt noch eine Anzahl von Betroffenen, die zwar die schreckliche Katastrophe überlebt, aber unter den in jungen Jahren damals Erlebten heute noch, sei es seelisch oder körperlich, leiden. Nach den im Stadtarchiv erfolgten Neuzählungen waren an beiden Tagen in Fulda mindestens 574 Opfer zu beklagen, die Gesamtzahl im Zweiten Weltkrieg stieg auf 1.596 Tote an. Dazu kommen noch eine große Zahl von Verletzten und einige Vermisste.

Der erste Großangriff 


An diesem sonnigen Herbstmontag heulen in der 1200 Jahre alten Barockstadt mit ihren rund 33.000 Einwohnern um 11.05 Uhr wieder einmal die Luftschutzsirenen, doch viele Bürger kümmern sich nicht allzu sehr darum. Sie haben gelernt, mit diesen Alarmen zu leben und schauen den überfliegenden Bomberschwärmen mit Schulterzucken nach. Die von England aus operierende 8. US-Luftflotte mit ihren drei Bomberdivisionen, aus über 1.000 viermotorigen Maschinen bestehend, waren aufstiegen, hatten sich über Ostengland formiert und wurden von 663 Jägern gegen Angriffe deutscher Jagdmaschinen abgeschirmt.
Der Weg der gewaltigen Armada führte zu Zielen in Mitteldeutschland und Nordböhmen. Nach Auffächerung in drei Gruppen flog die 3. Bomberdivision mit 384 Fliegenden Festungen vom Typ B-17 über Fulda nach Osten ihre Ziele an: die synthetischen Treibstoffwerke Ruhland, Böhlen und Brüx sowie die Wandererwerke (Militärfahrzeugbau) in Chemnitz. Entgegen den Wettervoraussagungen lag dort jedoch eine dichte Wolkendecke. So wurde wieder nach Westen abgedreht und ein Teil der Maschinen steuerte nun als letztes Ausweich- und Notziel die Reifenwerke in Fulda an, da hier teilweise sogar strahlender Sonnenschein herrschte.
Der Krieg hatte im fünften Jahr auch die Menschen in der Bischofsstadt, die bislang weitgehend von Kampfhandlungen verschont blieb, längst abgestumpft. Doch dieses Mal ist alles anders, denn der Fliegeralarm dauert außergewöhnlich lange über die Mittagszeit hinaus. Der Bevölkerung bleiben noch zweieinviertel Stunden Zeit, dann verdunkelt sich der Himmel.
Kurz nach 13 Uhr tauchten die ersten Fliegenden Festungen, dieses mal von Erfurt aus dem Osten kommend, wieder über Fulda auf und werfen in drei Pulks zwischen 13.16 und 13.32 Uhr ihre todbringenden Bombenteppiche ab. Insgesamt warfen 106 Bomber aus knapp 6.000 bis 8.000 Metern Höhe, 1.018 schwere Sprengbomben mit dem Gesamtgewicht von 230,88 Tonnen, die hohe Explosionswolken aufsteigen ließen, auf Fulda. Diese Angaben macht Günter Sagan in seiner 1994 veröffentlichen Studie über den Luftkrieg im Raum Fulda: „Die Bevölkerung hatte Verluste“.  Das „geflügelte Wort der Bombennächte“ gilt für Fulda nicht, die Angriffe erfolgten meist zur Mittagszeit.

Bild des Jammers 


Zu den am heftigsten getroffenen Bereichen gehörte der Innenstadtbezirk zwischen Bahnhof und Königsstraße. Die Barockstadt blutet aus vielen Wunden: Der Bahnhof ein Trichterfeld, Bahnhofswirt Carl Ullrich und Angehörige im Restaurant erschlagen. In der Leipziger Straße und Sebastian- und Wörthstraße, Hindenburgstraße (Bahnhofstraße), Rabanusstraße, Linden- und Sturmiusstraße einschließlich der Christuskirche, Heinrichstraße, Friedrichstraße und Adolf-Hitler-Platz (Unterm Heilig Kreuz), Steinweg, Marktstraße, Mittelstraße, Brauhausstraße, Rittergasse, Königstraße mit der Wachswarenfabrik Rübsam; auch in der Georg-Antoni-Straße versuchen Helfer mühsam Überlebende aus den Kellern zu bergen, unweit die brennenden Werkhallen der Gummiwerke. Gebäudeverluste gab es in der Dalbergstraße, Emaillierwerke, und in der Florengasse das Eckhaus Nr. 16 (Schellhammer). Großes Mitgefühl rief der Tod von 23 Jungen, zumeist Schüler der unteren Klassen des Domgymnasiums, mit ihrem Direktor Karl Hofmann im Bischöflichen Konvikt hervor.
Eine Sprengbombe durchschlug die der Nonnengasse zugewandten Seite des Komplexes und explodierte im Luftschutzkeller. Auch das Barockviertel mit dem Dom, dessen Südturm als Luftschutzraum galt, wurde erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Die Marienkapelle hatte einen Treffer abbekommen, die Kuppeln der Kapellen an der Südseite waren eingestürzt – die große Kuppel hielt  – alle 70 Fenster waren durch den Luftdruck zerstört. Durch die Dachöffnungen schien die Herbstsonne auf Berge von Schutt im ganzen Kirchenschiff. Eine Fünf-Zentner Bombe lag als Blindgänger im Keller der heutigen Theologischen Hochschule. Die Michaelskirche ist getroffen. Eine breite Lücke klafft in der in der nordwestlichen Rotundenmauer des romanischen Gotteshauses.
Die Krypta ist unterhöhlt. Ein Teil der Rochuskapelle im Erdgeschoss des Bischofs-palais ist eingestürzt. Der kleine Pavillon links am Dom ist ebenfalls zertrümmert, wie die Kapelle am alten dompfarrlichen Friedhof. Das Gasthaus „Zur Hinterburg“ lag in Trümmern, Wirtsleute und schutzsuchende Soldaten sind hier umgekommen. Schäden an Orangerie und Schlossgarten, der Marschall im hinteren Schlosshof zertrümmert.
Am furchtbarsten verwüstet aber war der Gemüsemarkt, hier sanken 18 Gebäude in Schutt und Asche und 49 Todesopfer waren zu beklagen. Tagelang suchten Feuerwehrmänner, Rotkreuz-Helferinnen, Technischer Notdienst und Kriegsgefangene Verschüttete vor allem aus dem Keller des Hauses Will herauszuholen. Inmitten der Trümmerhaufen ragte nur noch ein Säulenfragment aus dem Jahre 1791 mit dem Wappen des letzten Fuldaer Fürstbischofs Adalbert III. von Harstall – Teil eines sogenannten Harstallbrunnens – als „einsame Säule“ empor.
Der verstorbene Metzgermeister Franz Koch, der eilends von seiner Funkereinheit auf der Nordseeinsel Juist in die Heimat geeilt war und als Anlieger dabei war, als Särge zwischen den Häusertrümmern standen und wegen der Seuchengefahr mit Karren und Lastwagen auf den Neuen Städtischen Friedhof gebracht wurden, als verwaiste Menschen lautlos weinten, unter Schock stehende Leute ziellos durch die Stadt irrten, meinte später einmal: „In diesem Augenblick wurde der alte Brunnen, der zwischen den Trümmern wie ein Zeigefinger hervorragte, zu einem Mahnmal“.

Tödlicher Bombenregen

Am nächsten Tag um 11.55 Uhr heulten erneut die Sirenen, soweit sie nach den Zerstörungen des Vortages dazu noch in der Lage waren, über einer Stadt, in der noch Trümmer schwelten und Bergungskolonnen nach Verschütteten suchten. „Ein Gerücht jagt das andere. Angst und Schrecken sitzen den Fuldaern im Nacken. Viele beschließen, beim nächsten Flieger-Vollalarm aus der Stadt zu flüchten. Und das wird ihnen am 12. September 1944 zum Verhängnis,“ schreibt Winfried Jestaedt im Jahre 1984 in der FZ.
Um 12.13 Uhr erscheinen 46 Langstreckenbomber der amerikanischen 3. Bomberdivision wiederum auf ihrem Rückflug von den dieses mal künstlich vernebelten Hydrierwerken in Magdeburg-Rothensee und Böhlen und werfen erneut ihre todbringende Fracht ab. Innerhalb von rund fünf Minuten warfen sie 444 Sprengbomben von 100,7 Tonnen ab, die in erster Linie das Gebiet vom  südlichen Verschiebebahnhof bis hin zum Pröbel und Neuenberg trafen. Doch durch die Streuung der Bomben fielen viele in die flüchtenden Menschenmassen in der Johannisau  die, vor allem aus der Unterstadt, auf dem Weg in die Luftschutzkeller am Pröbel und Neuenberg waren.

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