feed_ipster | Bad Hersfelder Festspiele: Startschuss für Bühnenaufbau in der Stiftsruine

Rückwärts planen vom Premierentermin

Baumaschinen fahren in und um die Stiftsruine herum, Handwerker montieren Gerüste, bewegen große Mengen Baumaterial und ab sofort ist jeder Tag durchgetaktet. Der Bühnenaufbau für die 75. Bad Hersfelder Festspiele hat begonnen.

Noch ist das altehrwürdige Gemäuer recht leer. Keine Bühne, keine Zuschauerränge sind aufgebaut, und auch das Dach, welches über letzteren aufgespannt wird, ist noch nicht zu sehen. Doch seit Dienstag kommen jeden Tag mehr und mehr Elemente hinzu. 15 bis 20 Unternehmen sind mit beteiligt, wenn die Bühne der Stiftsruine nach und nach entsteht. Von Handwerkern über Techniker bis hin zu Zulieferern. Das berichtet Dietmar Wolf gegenüber unserer Zeitung. Er ist der technische Leiter der Bad Hersfelder Festspiele.
Mehrere Handwerker werkeln zu diesem Zeitpunkt gerade an dem Überbau zur Krypta der Klosterruine. „Anschließend geht es an 1500 Quadratmeter Bühnenfläche, auf einer Höhe von 1,10 Metern. Und davor schaffen wir dann noch Platz für den Orchestergraben“, stellt Wolf beim Termin vor Ort dar, während gleichzeitig das Gerüst für einen Durchgang für die Schauspieler aufgestellt wird. Dieser verbindet die Bühne mit dem Backstagebereich. Den Zuschauern bleibt diese Passage, durch die Darsteller einen schnellen Zugang unter anderem zur Maske und zur Umkleide haben, verborgen. Bis zu 30 Helfer seien hinter der Bühne aktiv. „Darstellerinnen und Darsteller müssen sich pro Aufführung teilweise zehn- bis elfmal umziehen. Deswegen muss der Betrieb möglichst reibungslos ablaufen“, so Wolf.
Das gilt aber nicht nur für die Aufführung selbst, sondern auch für die kommenden Monate bis zur Premiere. „Wir planen unseren Terminkalender immer rückwärts“, erklärt der technische Leiter der Bad Hersfelder Festspiele. „Es gibt die Premiere, die als unumstößlicher Termin feststeht. Von dort ausgehend, orientieren wir uns, was in den Tagen, den Wochen und in den Monaten zu welchem Zeitpunkt stehen muss.“
Auch die einzelnen Probentermine sind bereits für jedes Stück festgelegt. Dieser Plan spielt ebenfalls eine große Rolle für Dietmar Wolf und sein Team. „Alles muss Hand in Hand gehen“, betont Wolf. „Die Zuschauer bekommen natürlich von diesem Schweiß, der hinter den Kulissen fließt, nichts mit. Und das ist auch gut so, denn wir wollen, dass unsere Gäste auf der Tribüne abschalten können, Kultur genießen und mit einem Lächeln wieder die Ruine verlassen.“
Wesentlicher Bestandteil des Bühnenbilds werden an die 70 moderne, computergesteuerte Scheinwerfer sein, allesamt mit LED ausgerüstet. „Das sind keine Scheinwerfer mehr wie früher, bei denen eine farbige Scheibe aufgesetzt wurde, um das Licht zu ändern.“
Große Mengen an Holz, Aluminium und Stahl kommen beim Aufbau zum Einsatz. Das Material wird, wie Wolf unserer Zeitung berichtet, nicht etwa gekauft, sondern gemietet. Dies sei die finanziell deutlich lohnendere Variante.
Das Dach, das während der Spielzeit die Zuschauerinnen und Zuschauer vor Regen beschützt, ist indes noch nicht über die Ruine gestülpt. Das Gestell dafür lässt aber bereits die Dimensionen erahnen. Hinzugefügt wurde dieses im Jahr 1968, konzipiert wurde es von Architekt Frei Paul Otto (1925 bis 2015), wie Dietmar Wolf erzählt. Otto wurde später insbesondere für seine Arbeit am Münchener Olympiapark berühmt.
Wie Wolf erklärt, hat er sich die Dachkonstruktion aus der Natur abgeschaut. So habe Otto ein Drahtgestell in Seifenlauge getaucht und abgewartet, welche Formen sich dabei bildeten. Das Ergebnis sei eine relativ leichte und dennoch spannungsfeste mobile Konstruktion gewesen.
„Er war in gewisser Weise ein Vorgänger des ökologischen Bauens“, beschreibt ihn der technische Leiter der Festspiele. In seiner Stimme lässt sich eine gewisse Bewunderung erahnen. „Noch heute staune ich darüber, dass die Bad Hersfelder Bürgerinnen und Bürger damals den Wunsch und die finanzielle Bereitschaft aufbrachten, einen Architekten wie Frei Paul Otto für ihre Festspiele zu beauftragen.“ tg