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In mühevoller Kleinarbeit aus Millionen von Samen und Körnern entsteht derzeit der 32. Früchteteppich in der Alten Kirche von Sargenzell. Das Gemälde von William Hole ist in einem Museum in Edinburgh in Schottland ausgestellt. Fotos: Sabine Burkardt

Verkündigung vom Fußboden

am 07.08.2019

Die Arbeiten am 32. Früchteteppich in Sargenzell sind im Gange / 140 verschiedene Körner und Samen

HÜNFELD (sbt). Der englische Maler William Hole würde wahrscheinlich Luftsprünge machen, wenn er denn noch lebte: Sein Gemälde „Die Berufung des Levi“ wird in der alten Sargenzeller Kirche ab Samstag, 7. September, als faszinierendes Kunstwerk aus Millionen Samenkörnern und Blütenblättern ausgestellt.

Ein ungewöhnliches Bild für den Innenraum einer Kirche bietet sich all jenen, die derzeit einen Blick in das alte Sargenzeller Gotteshaus werfen. Mehrere Frauen hocken, sitzen und knien darin auf dem Fußboden und es riecht unheimlich nach Pfeffer. Ein freundliches „Hallo, kommen Sie näher“ empfängt jeden, der durch die Glastür ins Innere tritt.
Die Damen sind Besuch gewohnt. „Wir haben fast jeden Abend Leute hier, die uns zuschauen“, erzählt Heike Richter, die künstlerische Leiterin des Früchteteppich-Teams. Die Mackenzellerin und ihre Helferinnen sind noch bis Anfang September täglich damit beschäftigt, mit Teelöffeln, Zahnstochern oder kleinen Spachteln verschiedene Sorten an Körnern, Samen und gemahlenen Blüten so auf der sechs mal vier großen Spanplatte zu verteilen, dass das Werk des englischen Malers in strahlenden Farben zu sehen ist. Und das ist akribische Millimeterarbeit, die Geduld, eine ruhige Hand und vor allem einigermaßen geschmeidige Gelenke voraussetzen: oft müssen die Helferinnen ein bis zwei Stunden in der Hocke oder auf den Knien arbeiten.
Das Ergebnis kann sich schon jetzt sehen lassen! Mehr als die Hälfte des biblischen Motivs ist bereits mit den Körnern, gemahlenen Kräutern, Blättern und Blüten ausgelegt und verdeckt die farbige Malerei von Heike Richter. Diese hat das Werk von William Hole zunächst mit allen Schattierungen als Farbvorgabe auf die Spanplatte gemalt. Dabei treffen die Früchteteppich-Malerinnen die Farbtöne so genau, dass fast kein Unterschied zwischen Malerei und Legematerialien zu erkennen ist. „Meine Helferinnen sind wirklich klasse. Sie machen das fast ganz alleine“, lobt Richter die Damen.
Rund um die Spanplatte stehen unzählige Marmeladengläser und Beutelchen, in denen die wertvollen Naturmaterialien aufgehoben werden. Eine gute Kenntnis ist dabei wichtig. So ändert beispielsweise die Mungobohne beimMahlen ihre Farbe, und auch Petersilienblätter, Mandarine und Zitrone verändern sich beim Trocknen und scheiden als „Malutensilien“ aus. Dafür liegen nun Hirse, Pfeffer, Paprika und gemahlener Basmati-Reis auf der Spanplatte. „Am schwierigsten sind die Blautöne herzustellen. Da gibt es nicht viel Auswahl. Blauer Hibiskus, Rittersport oder Kornblumen sind zwar bläulich, aber ein ganzer Eimer voller Blüten ergibt gemahlen gerade mal ein Marmeladenglas voll“, erzählt Richter. In diesem Jahr ist der Früchteteppich deshalb eine Herausforderung, denn das Bild zeigt eine Szene am See Genezareth.
Damit nicht jedes Jahr nach neuem Material gesucht werden muss, werden die verschiedenen Körner und Blütenblätter nach Ende der Ausstellung mit einem Staubsauger eingesammelt und gelagert. Bevor es dann wieder auf den Teppich geht, müssen alle Körner und Samen noch mal gesäubert und sortiert werden. Dafür sind in diesem Jahr Luzia Witzel-Pappert und Cäcilia Kiel zuständig, die ganz konzentriert mit einem Zahnstocher akribisch Korn für Korn auf Unsauberkeiten untersuchen.
Zum ersten Mal im Früchteteppich-Team dabei ist Gisela Carstensen aus Fulda. Ihr gefallen vor allem die Atmosphäre in der Kirche, die tolle Gemeinschaft und das Gefühl von Stolz, das sich einstellt, wenn wieder einige Quadratzentimeter mehr des Kunstwerks fertig geworden sind. „Es ist eine tolle Erfahrung, mit diesen Naturmaterialien zu arbeiten“, fügt sie hinzu.
Seit Juli treffen sich die Helferinnen in der alten Kirche, dabei wird über Gott und die Welt gesprochen, über die biblische Szene diskutiert oder einfach nur geschwiegen. „Manchmal erzählen wir uns auch Witze. Wir haben hier immer viel zu lachen“, sagt Richter.
Rund 60.000 Besucher aus dem gesamten Bundesgebiet und darüber hinaus lockt die Ausstellung jährlich an. „Wir hatten schon Besucher aus Neuseeland und Australien“, erzählt Brigitte Lindner, aus dem Vorstand des Fördervereins Alte Kirche Sargenzell.
Ursprünglich entstand der Früchteteppich mit dem Ziel, das alte Gotteshaus in Sargenzell zu erhalten, das nach dem Neubau der Kirche nicht mehr benötigt worden ist. Mittlerweile ist das Gotteshaus von Grund auf restauriert. Deshalb können aus den Spendenerträgen zum Früchteteppich in jedem Jahr soziale Projekte in der Region, aber auch weltweit gefördert werden. Wichtiger noch für den Früchteteppich ist das Ziel, durch die Bilder, die von sachkundigen Führern erläutert werden, auch eine Botschaft für den Alltag der Betrachter zu vermitteln. „Die Botschaft passt in diesem Jahr sehr gut in die heutige Zeit. Jeder wird in Gottes Gemeinschaft aufgenommen, vor allem diejenigen, denen es am schlechtesten geht“, erklärt Lindner. Die Menschen sollen beim Betrachten zum Nachdenken kommen.
Im letzten Jahr sei eine Besucherin beim Betrachten des Teppichs in Tränen ausgebrochen. „Die Frau war so ergriffen. Das macht uns dann stolz und motiviert uns, weiterzumachen“, sagt Heike Richter. Denn für das Früchteteppich-Team gilt, „nach dem Teppich ist vor dem Teppich. Wenn dieser im November „eingerollt“ wird, geht es auf die Suche nach einem neuen Motiv. Eines ist für das Team aber sicher: „Es wird immer ein religiöses Thema sein“. Verkündigung vom Fußboden eben.

Öffnungszeiten

Die Ausstellung ist ab Samstag, 7. September, bis Sonntag, 3. November, täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Dabei sind immer ehrenamtliche Helfer anwesend, die den Besuchern das Bild und die Bedeutung der einzelnen Geschehnisse erklären und Fragen beantworten. Gruppen können sich unter Telefon (06652) 180195 oder (06652) 7938591 anmelden.
fruechteteppich.de

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