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Laut des Vize-Präsidenten des Hessischen Bauernverbandes, Stefan Schneider (li. Foto), sind Osthessens Bauern gut aufgestellt. Gemeinsam mit Pressesprecherin Malin Krieg sowie dem Geschäftsführer und dem Vorsitzenden des Kreisbauernverbandes Fulda-Hünfeld, Dr. Hubert Beier und Matthias Bug (re. Foto von re.), räumte er mit Klischees auf. Anzeigenleiter Ingo Wassenhoven (Mitte) freute sich, dass die Sammlung seiner landwirtschaftlichen Modelle eines großen dänischen Spielzeugherstellers so guten Anklang fanden. Foto: Torsten Goßmann

Bauer sucht Verständnis

am 05.07.2019

Was es heute heißt, Landwirt zu sein / Frühstück mit Kreisbauernverband Fulda-Hünfeld

FULDA (mlu). Die Kuh, die eine Glocke um den Hals und eine Blume im Maul hat, der Bauer, der mit seiner grünen Latzhose und einem Strohhut auf dem Stoppelfeld steht. Neben ihm die kleinen Lämmlein, die über die Wiese hüpfen: Noch allzu oft – auch in Osthessen – hat es die Landwirtschaft mit Klischees und Heile-Welt-Image zu tun.

Was es dagegen heutzutage tatsächlich heißt, Landwirt zu sein, diese Frage nahm unsere Redaktion zum Anlass, den Kreisbauernverband Fulda-Hünfeld zum Pressefrühstück mit regionalen Spezialitäten – allen voran Schwartenmagen –  einzuladen und  über Hightech-Ställe, Bio-Produkte, Wetterextreme und moderne Maschinenparks zu diskutieren. „Wir haben das Gefühl, dass es allerhöchste Zeit ist, die Landwirtschaft ins rechte Licht zu rücken“, schickten der Geschäftsführer und der Vorsitzende des Kreisbauernverbandes Fulda-Hünfeld – Dr. Hubert Beier (65) und Matthias Bug (59) – zur Begrüßung voraus. Begleitet wurden sie von Stefan Schneider (39), Stellvertreter von Matthias Bug und Vizepräsident des Hessischen Bauernverbandes, und Malin Krieg (26), die seit Oktober vergangenen Jahres für die Öffentlichkeitsarbeit des Verbandes verantwortlich ist. 

Das erfahrene Quartett sieht die Bauern der Region gut aufgestellt und räumte in der gut zweistündigen Diskussion mit einigen Klischees auf. So sei etwa die Digitalisierung in der Landschaft viel weiter fortgeschritten, als viele glaubten – Dr. Beier zufolge sogar „deutlich weiter als im Handwerksbereich. So habe es die ersten Melkroboter bereits vor 15 Jahren gegeben. Diese, so Beier, seien stetig weiterentwickelt, aber dennoch von einigen Betrieben wieder abgeschafft worden. „Es gab Landwirte, die meinten, wenn sie sich einen Roboter kaufen, könnten sie den ganzen Tag auf dem Traktor sitzen. Was natürlich ein Trugschluss ist, denn auch wenn das Melken automatisiert erfolgt, muss man den Roboter ständig unter Kontrolle haben“, so Beier. Unterdessen widersprach Stefan Schneider energisch den auch in der bundesweiten Diskussion umstrittenen Worten von Forschungsministerin Anja Karliczek, dass 5G nicht an jeder Milchkanne notwendig sei. „Wir brauchen den Mobilfunkstandard 5G, wir brauchen Breitbandanschlüsse“, stellte Stefan Schneider dar. Sobald der Melkroboter Probleme habe, melde der sich auf seinem Smartphone. „Wenn natürlich kein Empfang da ist, kann das Problem nicht gelöst werden und die Kühe stehen vor dem Melkroboter Schlange“, schildert Schneider ein mögliches Szenarium. „Irgendwann“, blickt Schneider in die weitere Zukunft der Hightech-Landwirtschaft, „werden Spritzen über die Felder fahren, die mit 5G verbunden sind, über Sensoren werden Pflanzenbestände und Insekten abgescannt, Daten miteinander verglichen und nur die schädlichen Insekten bekämpft.“ 

 

Agrarbetriebswirtin Malin Krieg über den Beruf Landwirt/in: "Das ist der abwechslungsreichste Beruf, den man sich vorstellen kann." 

 

Mehr Segen als Fluch in der neuen Technik sieht auch Matthias Bug, der gemeinsam mit seinem Sohn und Bruder einen landwirtschaftlichen Betrieb mit Viehhaltung, Milchviehhaltung, Ackerbau und Biogasanlage in Petersberg-Böckels betreibt. „Die Biogasanlage kann heute schon problemlos mit dem Handy gesteuert werden“, sagt Bug, dessen Sohn das aus Miami (USA) bereits erfolgreich praktiziert habe. Ob Mähdrescher, Traktor oder Schlepper – sämtliche landwirtschaftliche Fahrzeuge seien bis unters Dach mit Elektronik vollgestopft, ergänzt Hubert Beier, der den Einsatz von autonomen Fahrzeugen, die selbstständig ohne Fahrer unterwegs seien, in der Landwirtschaft für wesentlich früher denkbar hält als im öffentlichen Verkehr. 

„Viele Menschen haben beim Stichwort Landwirtschaft gedanklich wohl noch immer Schäfer Heinrich oder den Hof im Kopf, auf dem Mutti morgens gemütlich die Eier einsammelt“, geht Ingo Wassenhoven, Anzeigenleiter unserer Zeitung, auf Stereotypen ein. Die Realität sehe dagegen ganz anders aus. „Ein Hanomag mit 20 PS ist eben kein Fendt mit 500 PS, der eine Viertelmillion Euro kostet. Und die Welt, die dazwischen liegt, muss ja auch irgendwo finanziert werden“, spricht Wassenhoven vielen Bauern aus dem Herzen. Tatsächlich seien Landwirtschaftsbetriebe, wie es Matthias Bug formuliert, „kapitalintensive Betriebe“, die über Maschinen-, Gebäude- und Flächenkapital verfügten. Aufgrund der vorhandenen Vermögenswerte verschwinde ein landwirtschaftlicher Betrieb bei Problemen nicht von einem aufs andere Jahr, wie das manchmal in anderen Branchen der Fall sei. „Was den Strukturwandel angeht, gibt es keine Schübe, sondern eine kontinuierliche Entwicklung“, ergänzt Dr. Hubert Beier, der bereits seit knapp 40 Jahren dabei ist. „Wir verlieren jährlich 1,5 bis 2 Prozent der Betriebe – da gibt es seit Jahrzehnten keine große Bewegung“, so der Fachmann. In Hofaschenbach, beginnt er einen weiteren  Vergleich, sei im Jahr 2015 anlässlich der 850-Jahr-Feier eine Chronik geschrieben worden. Beier, der die Entwicklung in der Landwirtschaft festhalten wollte, sprach mit den ältesten Bauern im Ort und notierte, wie viele Hektar einst bewirtschaftet und wie viele Tiere gehalten worden sind. Ergebnis: Verteilten sich damals 120 Kühe auf insgesamt 42 Betriebe, stehen die heute in einem Betrieb. „Ohne Landwirtschaft ging damals nichts. Ob Schuster, Bäcker oder Pfarrer: Fast jeder im Dorf bewirtschaftete etwas oder hatte einen Schlepper – ansonsten wurde man meistens nicht für voll genommen“, so Beier. Dieses Bild habe sich komplett gewandelt. Die Phase, in der Leute noch mit glänzenden Augen sagen „Ja, früher hatten wir auch Landwirtschaft“, sei in spätestens zehn Jahren auch vorbei.

Wenngleich der Beruf des Landwirts nach wie vor zu den angesehensten im Land gehört und die Zahl der Ausbildenden erfreulicherweise stabil ist, müssen sich die Bauern immer wieder für negativ behaftete Dinge rechtfertigen und bekommen im direkten Gespräch mit Verbrauchern auch schon mal kritische Fragen gestellt wie „Warum vergiftet Ihr unsere Brunnen?“, „Warum müsst Ihr mit Pestiziden auf den Feldern arbeiten?“ oder „Warum werden die Tiere nicht ordnungsgemäß gehalten?“ Dr. Hubert Beier, Matthias Bug, Stefan Bug und Malin Krieg haben sich auf die Fahnen geschrieben, Antworten darauf zu geben, aufzuklären und zu sensibilisieren. Für den Einsatz vor Ort soll unter anderem ein Infomobil und die Pressearbeit intensiviert werden.

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