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Der 39-Jährige hat sich auf Abenteuerreise durch Japan begeben – und dabei beispielsweise auch den Fushimi-Inari-Tempel in Kyoto besucht. Foto: privat

„Japan ist wie ein Mannequin“

am 12.03.2018

Dennis Gastmann liest am 23. März im Kulturkeller in Fulda aus seinem neuen Buch

FULDA (chh). Japan – das ist das Land der aufgehenden Sonne, des Lächelns und der Kirschblüte. In seinem neuen Buch „Der vorletzte Samurai. Ein japanisches Abenteuer“ hat sich Dennis Gastmann auf Spurensuche begeben und schaut mit kindlichem Blick auf das Land, das so viele Klischees und Gegensätze vereint. Im Fuldaer Kulturkeller ist er am Freitag, 23. März, um 20 Uhr zu Gast.

Herr Gastmann, was zeichnet für Sie japanischen Humor aus?
Dennis Gastmann: Es scheint ein warmherziger, umarmender Humor zu sein. Als ich einmal o-kanjō, die Rechnung, bestellen wollte, schienen die japanischen Geschäftsleute am Tresen einen Asthmaanfall zu bekommen. Die Bardame sah mich so verlegen an, als hätte ich nach ihrer Telefonnummer gefragt. „Was habe ich denn falsch gemacht?“, blickte ich zu Natsumi, meiner Frau. „Du hast nicht um o-kanjō, die Rechnung gebeten“, lächelte sie, „Du hast o-kanojō bestellt: Eine Freundin.“

Was schätzen Sie an Japan und den Japanern besonders?
Gastmann: Ich bewundere ihren Sinn für Ästhetik, Harmonie und Schlichtheit. Vor allem aber die Art, wie sie miteinander umgehen, das Behutsame, das Sanfte. Ich werde nie den Busfahrer vergessen, der eigens ausstieg, um einer Frau und ihrer kleinen Tochter hinein zu helfen: Er trug den Kinderwagen über die Schwelle und bat andere Gäste, sich umzusetzen, damit Mutter und Kind möglichst nahe der Tür Platz nehmen konnten. Dann bot er der Frau an, etwas langsamer zu fahren, damit das Kind in Ruhe schlafen könne. Selbstverständlich lehnte sie ab, aber dennoch lenkte er nun sachter um die Kurven.

Und Ihr japanisches Lieblingsklischee?
Gastmann: Japaner ziehen getragene Schulmädchenschlüpfer aus dem Automaten.

Hat sich dieses während Ihrer Reise bewahrheitet?
Gastmann: Natürlich nicht! Die Automaten sind eine klassische „urban legend“, eine Großstadtlegende. Tatsächlich gibt es jedoch, in ausgewählten Erotikboutiquen, eingeschweißte Damenslips zu kaufen. Sie wirken verschlissen, sind aber frisch – so wie eine brandneue Jeans mit Löchern in den Knien. Schmutzig sind nur die Gedanken, die um sie kreisen.

In Ihrem neuesten Buch „Der vorletzte Samurai. Ein japanisches Abenteuer“ nehmen sie die Leser mit auf ihren Honeymoon quer durch Japan. Das ist eigentlich etwas sehr Intimes. War Ihre Frau sofort Feuer und Flamme für die Idee?
Gastmann: Es gab einen Deal mit ihrer Familie: Du darfst alles schreiben – aber nichts Negatives. So musste ich meine Kritik, ganz Japanisch, zwischen den Zeilen verstecken. Mein Buch ist aber keine reine Liebesgeschichte. Es ist eine abenteuerliche Reise von Tokyo bis hoch nach Hokkaidō und schließlich einmal quer durchs Land bis nach Kyūshū, japanisch Feuerland.
   
Hat Natsumi Passagen gestrichen oder Ihnen sogar Tipps gegeben, welche Anekdoten Sie unbedingt unterbringen müssen?
Gastmann: Natsumi ist die härteste Lektorin, die man sich vorstellen kann. Als der Verlag längst mit meinem Manuskript zufrieden war, schrieb sie mit Rotstift an die Seitenränder: „Irrelevant. Streichen!“. Oder: „Völlig lieblose Beschreibung dieser Szene. Das kannst Du besser!“. Manchmal habe ich geflucht, aber musste einsehen: Natsumi hatte jedes Mal recht. Sie hob meinen Text auf ein höheres Niveau.

Mir gefällt besonders das Zitat Ihrer Frau, dass Sushi die Bratwurst Japans sei. Gibt es bei Ihnen Zuhause kein Sushi?
Gastmann: Wenn es Sushi gibt, dann eher als „Sushi-Salat“. Das mit der „Bratwurst Asiens“ meint Natsumi übrigens nicht despektierlich: Selbstverständlich ist Sushi Kunst. Aber die japanische Küche hat noch so viel mehr zu bieten: etwa Teppanyaki, Sukiyaki oder Okonomiyaki, die japanische Version des Pfannkuchens, auf dem hauchdünne Fischflocken tanzen.

Auf welches Japan-Klischee verzichten Sie Zuhause?
Gastmann: Nun, wir tragen keine Toilettenschuhe. In vielen japanischen Haushalten wechselt man jenseits der Wohnungstür in Pantoffeln und später, an der Schwelle des Badezimmers, in Schuhe, die nur für den Bereich der Toilette gedacht sind. So bleiben Keime und Bakterien dort, wo sie unvermeidbar sind.

Welcher Mensch beziehungsweise welche Begegnung hat Sie auf Ihrer Reise besonders beeindruckt?
Gastmann: Vielleicht der mysteriöse Fremde, dem ich in Beppu begegnet bin, einem Ort, der für seine „sieben Höllen“ bekannt ist – siedend heiße Quellen in zinnoberrot oder milchblau. Der Mann stand einfach nur da, rauchend auf einer Veranda und trug einen Yukata, die legere Variante des Kimono. Sein Gewand wehte im Wind, genauso wie seine langen, silbrig schwarzen Haare. Er wirkte wie ein Krieger aus einer anderen Zeit.

Auf Ihrer Reise haben Sie auch Hiroshima besucht. Wie war es für Sie an einem solch historischen Ort zu sein?
Gastmann: Wer Hiroshima besucht, fühlt sich schwer, so viel schwerer als sonst. Den einen drückt das Mitleid, den anderen die Schuld. Unser Besuch nahm eine erstaunliche emotionale Kurve: Wie in einem Trauermarsch schritten wir durch das Erinnerungsmuseum der Stadt, betrachteten zerfetzte Schuluniformen, ein verkohltes Dreirad oder den Schatten eines Menschen, der sich in eine Treppenstufe gebrannt hatte. Entsetzliche Bilder, entsetzliche Gedanken. Die Schwere löste sich erst in der Nacht. Wir wohnten im Vergnügungsviertel der Stadt, es war Samstag und wir durften erleben, wie ausgelassen die auferstandene Stadt das Leben feierte.

Haben Sie von Japan etwas gelernt?
Gastmann: Wer Japan bereist, lernt schnell, dass nichts unwichtiger ist als das eigene Ego.

Und wie sieht es mit der Heimat aus, was schätzen Sie an Deutschland besonders?
Gastmann: Deutsche und Japaner sind sich im Grunde ähnlich. Sie lieben die Ordnung und sie lieben es, zu planen. Das ist eine Qualität, die beide Länder auszeichnet. Was mich wundert: Wenn es um die Deutsche Bahn geht, hört bei uns die Ordnungsliebe auf. Da beginnt plötzlich eine schicksalhafte Reise ungewissen Ausgangs: Geänderte Wagenreihung, Gleiswechsel, defekte Klimaanlagen, Verspätungen, Zugausfälle. In Japan wäre ein solches Chaos undenkbar. Der Shinkansen, der japanische Schnellzug, kam in unserem Reisesommer auf eine durchschnittliche Verspätung von 36 Sekunden, die wie 36 Messer hinter den Bahnangestellten herflogen.

Sprechen Sie denn mittlerweile Japanisch oder hat Ihre Frau immer noch Veto eingelegt?
Gastmann: Ich muss heimlich lernen, denn Natsumi verbietet mir, Japanisch zu sprechen. Es sei ihre Geheimsprache, sagte sie einmal, in der sie die wirklich wichtigen Dinge mit ihrer Familie klärt. Außerdem bereitet ihr meine Aussprache körperliche Schmerzen.

Mit Ihrem Buch kommen sie am 23. März nach Fulda. Was verbinden Sie mit Ihren Lesereisen?
Gastmann: Dass ich immer viel zu wenig Zeit habe, sie zu genießen. Auf Lesereise zu gehen, bedeutet, Deutschland in Schlaglichtern zu sehen.

Und worauf können sich die Fuldaer bei Ihrer Lesung nun besonders freuen?
Gastmann: Keine Sorge, es wird keine Wasserglas-Lesung mit vereinzelten, trockenen Hustern im Publikum. Ich werde viel erzählen, ein wenig lesen, und zwischendrin zeige ich Fotos und kurze Filme von unterwegs. Japan ist wie ein Mannequin, und es war eine Freude, das Land in Text, Bild und Ton zu verewigen.

Zur Person
Der 39-Jährige ist Schriftsteller, Abenteurer und Journalist. Er hat Politik und Journalistik in Hamburg studiert. Als Reporter war er für die Auslandsmagazine der ARD über alle Kontinente gereist. Seine Abenteuer beschrieb er in dem Band „Mit 80 000 Fragen um die Welt“, danach wanderte er von Deutschland über die Alpen bis nach Italien, um seine Sünden zu büßen („Gang nach Canossa“). Zuletzt erschienen „Geschlossene Gesellschaft“, eine Exkursion in die Welt der Reichen, und „Atlas der unentdeckten Länder“, eine Entdeckungsreise zu den letzten unbekannten Orten unserer Erde.

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