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„Es gab oft Missverständnisse“ - Oliver Polak berichtet über sein Leben als jüdischer Comedian

am 10.11.2014

 FULDA (lag). Es klingt nach purer Ironie: Der jüdische Comedian Oliver Polak wollte die Menschen unterhalten und ist dadurch selbst depressiv geworden. Wie es dazu gekommen ist, und welche Faktoren bei seiner Erkrankung noch eine Rolle spielten, berichtet er vor seiner Lesung in Fulda (Freitag, 14. November, 20 Uhr, Kulturkeller) im MK-Interview.FULDA (lag). Es klingt nach purer Ironie: Der jüdische Comedian Oliver Polak wollte die Menschen unterhalten und ist dadurch selbst depressiv geworden. Wie es dazu gekommen ist, und welche Faktoren bei seiner Erkrankung noch eine Rolle spielten, berichtet er vor seiner Lesung in Fulda (Freitag, 14. November, 20 Uhr, Kulturkeller) im MK-Interview.

 

 

Sie waren in ihrer Kindheit und Jugend im norddeutschen Papenburg offenem Rassismus ausgesetzt. Wie oft haben Sie sich damals gewünscht, jemand anderes zu sein?


„Als Kind ist es natürlich nicht angenehm, mit Rassismus und Antisemitismus konfrontiert zu sein. Ich habe mir aber nie gewünscht, wie die anderen zu sein. Ich hab mir gewünscht, nicht unbedingt dort zu sein, zum Beispiel eher in einer Großstadt.“


Wie äußerte sich dieser Rassismus?


„Als Jugendlicher wirst du über den Schulhof gejagt, die Leute wollen einen nicht anfassen, weil sie denken, sie bekommen Juden-Aids. Ich habe im Kino als Platzanweiser gearbeitet und eine Gruppe von Nazis hat nach der Vorstellung auf mich gewartet, weil sie mich verprügeln wollten.“


Wurden Sie orthodox erzogen?


„Nein. Meine Erziehung war schon religiös, mit Bar Mitzwa und so. Es war aber auch gar nicht  richtig möglich, in Papenburg jüdisch zu leben, weil es zum Beispiel keine Synagoge gab. Mein Judentum würde ich vergleichen mit dem Judentum in dem Cohen-Brothers Film „A Serious Man“. Meine Gläubigkeit ist eher aus dem jüdisch-popkulturellen Bereich entstanden.“ 


Vom jüdischen Schuljungen zum VIVA-Moderator: Wie kam es dazu? 


„Ich wusste nicht, was ich studieren sollte. Ich dachte mir, dass Musikbusiness interessiert mich. MTV hätte ich schon geiler gefunden, aber bei VIVA hab ich direkt einen Platz bekommen und wurde bei Stefan Raab Praktikant.“


Später nahmen Sie Schauspielunterricht und starteten im Jahr 2006 als Komiker, der sich selbstironisch und gesellschaftskritisch mit dem Holocaust und Antisemitismus auseinandersetzt. Wie hat das Publikum am Anfang darauf reagiert?


„In popkulturellen Kontexten war es immer ganz cool. Am Anfang hatte ich aber sehr viele Buchungen und habe oft vor einem Ü50-Kabarett-Publikum gespielt. Jeder hat erwartet, das Woody Allen mit einer Klarinette aus meinem Bauch heraus klettert. Für die war das schon eine Beleidigung, wie ich überhaupt auf die Bühne gekommen bin. Es gab sehr oft Missverständnisse. Deutschen Kabarettisten ist es wichtiger, den Leuten zu gefallen und sich anzubiedern, als sie zum Lachen zu bringen. Das ist so ein stiller Deal zwischen dem Kabarett-Publikum und dem Künstler. Sie möchten sich am Ende wohlfühlen. Ich arbeite von meinem Ansatz her eher wie Leute, die ich gut finde, wie Richard Pryor (us-amerikanischer Komiker, Anm. d. Red.), die als Stand-up-Comedians auch mal was in die Waagschale werfen und nicht nur über nichts reden.“


Das ist auch einer der Gründe dafür, warum Sie an Depressionen erkrankt sind.

„Das war auf jeden Fall ein Faktor, der mit reingespielt hat, dieses Missverstandenwerden als Künstler, aber auch das Problem, dass die Leute nicht geschnallt haben, dass ich ein Stand-up-Comedian bin. Für die war ich ,Der Jude’. So wie die Leute denken, Udo Jürgens wäre  Schlagersänger, aber das ist er ja gar nicht, er ist Chansonnier. Die Leute sind in meine Show gekommen und haben was weiß ich nicht was erwartet und haben sich auf eine gewisse Art und Weise auch an mir therapiert. Das wurde irgendwann sehr unangenehm.“


Was spielte bei ihrer Erkrankung noch eine Rolle?


„Man kann das nicht immer so genau benennen, aber grundsätzlich kann sich eine Depression aus genetischen Voraussetzungen zusammensetzen, aus frühkindlichen Erfahrungen aber natürlich auch aus aktuellen Dingen. Bei mir kamen viele Sachen zusammen. Ein Kernding war die Arbeit, dann kam zum Beispiel noch dazu, das mein allerbester Freund gestorben ist.“ 


In ihrem im Oktober erschienenen Buch „Der jüdische Patient“ verarbeiten Sie ihre Erlebnisse in der Psychiatrie. Wann kam Ihnen die Idee, ihre Erfahrungen schriftlich festzuhalten?


„Es gab keine bewusste Entscheidung. Ich saß in einem Café und wollte irgendeine Geschichte aufschreiben. Ich habe geschrieben und gar nicht mehr aufgehört. Dann dachte ich mir, ich könnte ja auch ein Buch schreiben. Ich glaube, das Problem der Depression im Vergleich zu anderen Krankheiten ist, dass man sie nicht direkt sieht. Man merkt es ja auch selber erst gar nicht. Man hat eine Phase, in denen man nicht gut drauf ist, die werden dann immer mehr, immer intensiver, immer länger. Irgendwann empfindet man keine Freude mehr. Ich glaube, dass kann jedem passieren. Es ist eine Krankheit wie Aids oder Krebs, an der man im schlimmsten Fall sterben kann.“


Hat sich ihr Humor oder die Art, wie sie Comedy machen, durch den Klinikaufenthalt geändert?


„Mein Humor nicht, aber ich habe jetzt schon einen klareren Blick auf die Dinge. Ich weiß viel besser, was ich machen oder nicht machen will. Die Lese-Tour findet zum Beispiel in richtigen Theatern oder an popkulturellen Orten statt und nicht mehr vor Kabarett-Publikum. Meine neue Show ,Krankes Schwein’ findet auch in Musikclubs oder Popläden statt. Da ich über diese ganzen Sachen geschrieben habe, gibt es inzwischen auch viel weniger Missverständnisse.“

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