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Gilt als der Shootingstar in der klassischen Schlagzeuger-Szene: der Österreicher Martin Grubinger. Foto: Simon Pauly

„Freue mich auf das charmante Fulda“

am 09.04.2019

Schlagzeuger Martin Grubinger über seine Vorbilder und die Energiequellen für seine Konzerte

FULDA. Zum Sommer des Jubiläumsjahrs „1275 Jahre Fulda“ gehören auch die Domplatzkonzerte im August. Ein besonderes Ereignis – beileibe nicht nur für Klassik-Fans – verspricht das Open-Air-Konzert des hr-Sinfonieorchesters mit dem Solisten Martin Grubinger (Perkussion) am 31. August zu werden. Im Vorfeld sprach der Leiter der Theater- und Konzertdirektion Fulda, Christoph Stibor, mit dem 35-jährigen Ausnahmekünstler über dessen Werdegang, die Vorbilder und den besonderen Reiz von Aufführungsorten wie dem Fuldaer Domplatz. 

Herr Grubinger, eines Ihrer ersten Konzerte im berühmten Wiener Musikverein haben Sie vor einem Publikum von 25 Leuten, überwiegend Familienmitgliedern, gespielt. Heute füllen Sie mühelos die bedeutendsten Konzertsäle der Welt. Warum haben Sie damals nicht aufgegeben?
Dieser Auftritt war für mich sogar ein positives Erlebnis, weil ich davor, trotz wahnsinnig intensiven Übens, fast überhaupt keine Konzerte hatte. Die Veranstalter waren damals viel zu ängstlich, dass sie für einen Schlagzeug-Solisten kein Publikum finden würden. Weil mein Vater mich aber schon früh an das regelmäßige Üben herangeführt hat, wusste ich schon, wie viel Disziplin man braucht, um ein guter Musiker zu werden. Und ich wusste, dass meine Eltern mich auf diesem besonderen Weg immer unterstützen würden. Deswegen habe ich durchgehalten.

Für den Martin Grubinger, wie wir ihn heute kennen, gibt es im Konzertleben keine früheren Vorbilder, was also treibt Sie an?
Mein Vater ist auch Schlagzeuger, deshalb standen bei uns daheim jede Menge Instrumente herum, und Musik von Mozart, Bruckner und anderen liefen immer irgendwo im Hintergrund. Ich war einfach fasziniert von dieser Vielfalt des Instrumentariums. Leider gab es zu wenig Solo-Literatur. Darum bin ich meinem Vater sehr dankbar, dass er beizeiten immer wieder dafür gesorgt hat, dass Komponisten für mich geschrieben haben. Diese Werke wollte ich unbedingt aufführen, und ich wollte sie besonders gut aufführen, mich immer an mein persönliches Limit bringen. Und das Wichtigste: Ich kann mich am Schlagzeug emotional einfach am allerbesten ausdrücken.

Sie spielen manchmal sechs Schlagzeugkonzerte hintereinander. Wie hält man das physisch durch?
Da lasse ich mir tatsächlich von einem Sportmediziner helfen, der für mich eine spezielle Trainingsmethode entwickelt hat. Körperlich bin ich danach aber trotzdem am Ende. Aber diese Grenzerfahrungen liebe ich, weil ich meinem Publikum dadurch eine riesige stilistische Bandbreite an einem einzigen Abend anbieten kann. Das motiviert mich. Aber irgendwann wird sich wohl das Alter melden ...

Was ziehen Sie vor: Ein Konzert in der Carnegie Hall oder ein Open Air am Fuldaer Domplatz?
Ich gebe zu, dass mir große Städte – ja, wirklich! – zu laut sind. Denn diese Lautstärke bestimme ich nicht selbst, das setzt mich unter Stress. Am Morgen nach einem Konzert sitze ich im ersten Flieger nach Hause, aufs Land. Ich freue mich also schon, im charmanten Fulda vor dem Dom und vor der tollen Kulisse des Barockviertels zu spielen. Die Bilder, die ich gesehen habe, machen richtig Lust. Und mit dem hr-Sinfonieorchester arbeite ich eh gerne zusammen, wir kennen uns schon recht gut. Als professioneller Musiker gebe ich aber an jedem Abend alles, was ich habe. Ich liebe es, für Publikum zu spielen. Egal, wo.

Das Schlagzeugkonzert FROZEN IN TIME vom israelischen Komponisten Avner Dorman, welches Sie in Fulda spielen werden, haben Sie 2007 mit großem Erfolg uraufgeführt und später auch in den USA zum ersten Mal dargeboten. Was schätzen Sie an dem Stück?
Es setzt in mir eine unbändige Energie frei, weil es gleichzeitig so eindrucksvoll wie facettenreich ist. Deswegen ist es für das Open Air am Domplatz bestens geeignet, auch für Leute, die sich sonst nicht unbedingt in ein klassisches Konzert begeben würden.

Im zweiten Teil des Konzerts wird in Erinnerung an den Mauerfall vor 30 Jahren Beethovens neunte Symphonie gegeben. In Fulda erinnert man sich wegen der damaligen Grenznähe noch gut an die Ereignisse. Heute ist Beethovens Werk das stärkste Symbol für die europäische Einigung. Was bedeutet das für Sie persönlich?
Meine Frau stammt aus der Türkei, und ich selbst bin andauernd international unterwegs. Für mich ist es also völlig normal, mit Menschen verschiedenster Herkunft zusammenzuleben und zusammenzuarbeiten. Früher habe ich mich darum von Leuten ferngehalten, die rassistisch und national eingestellt sind, sogar Konzertanfragen abgelehnt. Heute dagegen suche ich das Gespräch, damit habe ich viel bessere Erfahrungen gemacht, denn ich bin einfach ein Sozialmensch: In der Blaskapelle, beim Fußball und in der dörflichen Nachbarschaft lassen sich problematische Vorurteile einfach am besten entkräften. Große Ideen funktionieren halt auch im Kleinen.