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Von links: OB Dr. Heiko Wingenfeld, Gerda Tattermann, Hedi Schuhej sowie Ethan Bensinger mit seinen Töchtern Karen und Jennifer und Ehefrau Elizabeth. Fotos: Stadt Fulda/mkf

Tischdecken mit emotionalem Wert

am 05.03.2019

Neuenberger Familie überreicht Nachfahren ehemaliger Fuldaer Juden besondere Erinnerungsstücke

FULDA (mkf). Zwei Tischdecken aus weißem Leinen mit wunderschöner blauer Stickerei: Um sie in Händen halten zu können, sind Ethan Bensinger, Ehefrau Elizabeth und ihre Töchter Jennifer und Karen eigens aus Chicago angereist. Die beiden Tischdecken sind die einzige Erinnerung an Bensingers Großonkel, den jüdischen Schneider Hugo Sichel, der am 8. Dezember 1941 aus Fulda nach Riga deportiert wurde und dort zu Tode kam. Wann genau und unter welchen Umständen, darüber weiß die Familie nichts. Umso wertvoller sind jetzt diese Erinnerungsstücke.

„Diese Tischdecken haben keinen großen finanziellen Wert, aber ihre emotionale Bedeutung für unsere Familie kann man nicht in Worte fassen. Das ist Wiedergutmachung im tiefsten Sinn“, sagt Ethan Bensinger, als er die Erinnerungsstücke im Beisein von Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld in Augenschein nimmt.
Mehr als 80 Jahre lang wurden die beiden Tischdecken von der Familie Paul Römhilds in Fulda-Neuenberg aufbewahrt. Römhild war ein enger Freund von Hugo Sichel. „Haltet mir die Decken in Ehren, sie sind ein Geschenk von meinem besten Freund“, habe ihr Vater gesagt, erinnert sich Römhilds Tochter Hedi Schuhej, geboren 1937. Ihre Eltern hatten ihre gesamte Aussteuer bei Hugo Sichel gekauft, und dazu gab es die Tischdecken, erzählen sie und ihre zwei Jahre ältere Schwester Gerda Tattermann. Die Aussteuer gibt es schon lange nicht mehr, die Tischdecken aber wurden unbenutzt in Ehren gehalten. Beide Schwestern leben heute noch in Neuenberg, wo die Decken zunächst bis 1976 von der Mutter und dann von Hedi Schuhej aufbewahrt wurden.
Im vergangenen November dann las die rüstige Seniorin in der Fuldaer Zeitung einen Bericht über den Besuch von Nachfahren Fuldaer Juden anlässlich des 80. Jahrestages der Pogromnacht, darunter die Familie Bensinger. Im Bericht kam auch der Name von Hugo Sichel vor, und Hedi Schuhej erinnerte sich sofort an den Freund ihres Vaters und an die Tischdecken. Anja Listmann, die sich seit Jahren mit der Geschichte Fuldaer Juden und deren Nachkommen beschäftigt und die auch den Besuch organisiert hatte, ist eine ehemalige Nachbarin der Schuhejs, und so genügte ein Griff zum Telefon, um den Kontakt zu den Nachfahren von Hugo Sichel herzustellen. „Ich wollte die Decken gerne an Hugos Familie geben. Dass sie gleich selber kommen würden, damit habe ich nicht gerechnet“, staunt Hedi Schuhej.
Gemeinsam mit ihrer Schwester empfing sie die Bensingers herzlich zu Kaffee und selbstgebackenen Kuchen in ihrem Haus, und beide konnten der Familie aus dem fernen Amerika noch authentisch von den Familienerinnerungen berichten. Unter anderem davon, dass der Vater sich nach dem Krieg vergebens bemüht habe, seinen Freund wiederzufinden. Ethan Bensinger wiederum erzählt, dass Hugos Schwester, seine Großmutter – wahrscheinlich durch einen Tipp von Freunden – einige Tage vor der Reichspogromnacht aus Fulda nach Palästina auswandern konnte. Hugos Bruder war nach Amerika gegangen und hatte Geld nach Fulda geschickt, damit auch sein Bruder ausreisen konnte. Tragischerweise habe ihn dieses Geld wohl nicht mehr erreicht, vermutet Ethan Bensinger.
Besonders angerührt ist der Gast aus Chicago, als Hedi Schuhej und Gerda Tattermann erzählen, dass ihr Vater Hugo Sichel in der Zeit vor der Deportation noch mit Lebensmitteln versorgt habe. „So wunderbar es auch für unsere Familie ist, die Tischtücher erhalten zu haben, die einst Hugo Sichel gehörten: Es ist noch wichtiger, dass wir das selbstlose Handeln seines Freundes Paul Römhild würdigen. Seine Hilfe geschah unter schwierigen politischen Bedingungen, unter den Augen eines Nachbarn, der ihn anwies, seine Hilfe einzustellen. Trotzdem riskierte er sein eigenes Leben und das seiner Frau und seiner kleinen Kinder, um sicherzustellen, dass sein guter Freund genug zu essen hatte. Obwohl Hugos Leben auf tragische Weise zu Ende ging, ist es uns ein großer Trost zu wissen, dass er in Fulda auf die Hilfe eines echten Freundes bauen konnte.“
Inzwischen sind die Tischdecken wohlbehalten in den USA angekommen und bei der Familie Bensinger auf dem Esszimmertisch rege in Benutzung, wie Ethan Bensinger nach Fulda mailte.