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Das Foto aus dem Stadtarchiv zeigt den Durchlass des Krätzbachs nahe der Firma Hartmann an der Frankfurter Straße im Jahr 1912. Foto: Stadtarchiv Fulda

Große Verwirrung um kleines Gewässer

am 23.10.2018

Heißt er nun Grezzbach, Krätzbach oder gar Kretzbach? / Verschiedene Schreibweisen in Fulda und Künzell

FULDA (het).Wie kommt der Aschenberg zu seinem Namen, was hat es mit der Judengasse, dem Hexenturm oder dem Zitrone(n)- mannsgässchen auf sich, und welche Geschichte versteckt sich hinter Ur-Fuldaer Nachnamen wie Faulstich, Larbig oder Sauerbier? Mit solchen Fragen beschäftigt sich unsere Serie, die Fuldaer Namen und ihre Bedeutung untersucht. Im heutigen 7. Teil (Buchstabe „G“) geht es um die Verwirrung um den Namen eines Baches – heißt er nun Grezzbach oder Krätzbach?

Ein kleiner Bach, der beim Lanneshof entspringt und nach nur wenigen Kilometern in die Fulda fließt, hat gleich zwei Namen. In Künzell wird er offiziell als Grezzbach, in Fulda aber als Krätzbach bezeichnet. Dies führt immer wieder zu Nachfragen bei der Fuldaer Stadtverwaltung, welche Schreibung denn nun die richtige sei.
Der Krätzbach wird erstmals schriftlich in der um 800 verfassten Lebensgeschichte des ersten Fuldaer Abtes Sturmi („Vita Sturmi“) überliefert. Hier heißt es, dass Sturmius bei seiner Erkundungsreise nach dem Platz für eine Klostergründung an einen Fluss gekommen sei, der heutzutage „Grezzibach“ heiße. Der Text der Vita ist nicht mehr im Original, sondern nur noch in vier Abschriften aus der Zeit von 1200 bis 1500 erhalten. Diese überliefern die Formen Grezzibach, Grezzebach, Grezzebac und Gretzbach. Die Schreibungen deuten auf eine ursprüngliche althochdeutsche Form Grezzibach hin. Der Name bedeutet nicht, wie in der Vergangenheit in der fuldischen Heimatforschung behauptet, „schnellfließender Bach“. In „Grezzi“ steckt das althochdeutsche Wort „grat“, das etwas Spitzes, Hervorstechendes bezeichnet und sich bis heute in den Wörtern Rückgrat und Gräte erhalten hat.
Schon im Althochdeutschen konnten aus einfachen Begriffen Sammelbezeichnungen gebildet werden. So wie aus „Berg“ ein „Gebirge“ und „Feld“ ein „Gefilde“ abgeleitet wurde, entstand aus „Grat“ ein „Gegretze“, das allerdings nur in der Form „Gretze“ überliefert ist. Dieses bezeichnet den verkrüppelten Spross eines Baumes oder Strauches, hat aber auch die Bedeutung von „Rute, Gerte, Dornengestrüpp“. Der Krätzbach wäre somit am ehesten zu deuten als „Bach am Dornengestrüpp“ bzw. als „Bach an den verkümmerten Bäumen/Sträuchern“.
Die Schreibung Gretzbach hielt sich bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts. So führt das älteste fuldische Kataster von 1708 die „Gretzmühle“ und den „Gretzgraben“ auf. Im zweiten Kataster von 1740 ist dann allerdings schon von der „Kretzmühle“ und dem „Kretzgraben“ die Rede. Der Kurhessische Kataster von 1854/60 hat die heutige Form „Krätzmühle“ und „Krätzbach“. Auf allen Plänen der Stadt Fulda von 1727 bis heute findet sich die Form „Krätzbach“, das daher als die derzeit amtliche Schreibung in Fulda anzusehen ist. Bemerkenswert ist, dass der Bach auf Künzeller Seite als Grezzbach bezeichnet wird und es zudem in Künzell eine Grezzbachstraße gibt.
Zwar wäre es schön, wenn es zu einer Vereinheitlichung käme, doch die Frage ist, was wäre vorzuziehen, die historisierende Schreibung in Künzell oder die sprachlich weiterentwickelte auf Fuldaer Seite. Aus namenkundlicher Sicht ist die Antwort eindeutig. Namen unterliegen im Laufe ihrer Geschichte ebenso wie die herkömmliche Sprache Wandlungen in der Aussprache und der Schreibung. Diese Änderungen sind entweder lautgesetzlich bedingt oder aber durch Dialekte und Kanzleigewohnheiten beeinflusst. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts verfestigten sich die häufig völlig inkonsequenten Namensschreibungen zur amtlichen Form.
Im Falle des Krätzbachs erklärt sich der seit dem 18. Jahrhundert schriftlich sichtbare Wandel von G zu K bzw. e zu ä zum Teil durch Volksetymologie, zum Teil durch den Dialekt. Die dialektale Aussprache des e als ä führte dazu, dass dies auch in der Orthographie wiedergegeben wurde. Da „Grätz“ in seinem Wortsinn offenkundig nicht mehr verstanden wurde, brachte man es volksetymologisch zusammen mit dem bekannten, aber wenig einladenden Wort „Krätze“ und schrieb es demzufolge als „Krätzbach“. Insofern wirkt „Grezzbach“, das die mittelalterliche Form wieder aufnimmt, vornehmer. Konsequenterweise müsste man dann aber auch Fulda wieder umbenennen in „Fuldaha“, Hünfeld in „Unofelt“ und Künzell in „Kindecella“.
In diese Unsicherheit drängt sich die bisweilen zu lesende Form „Kretzbach“, möglicherweise ein Kompromiss, falls man doch noch nach einer gemeinsamen Lösung sucht. Diese Form wird allerdings durch die schriftlichen Quellen mit Ausnahme des Katasters von 1740 nicht gestützt und würde die Verwirrung wohl noch zusätzlich steigern.
Der Name des Krätzbachs hat in Fulda jedoch bis heute auch einen traurigen Beiklang: Er ist untrennbar verbunden mit der Katastrophe vom 27. Dezember 1944. Im sogenannten Krätzbachbunker, der nichts anderes war als eine kanalisierte Bachunterführung unter den Bahngleisen zwischen der Heidelstein- und der Mehlerstraße, kamen am 27. Dezember 1944 bei einem Luftangriff mehr als 700 Menschen, die dort Schutz gesucht hatten, ums Leben. Ein Gedenkstein an der Mehlerstraße erinnert an diese Tragödie.

Serie "Fuldaer Namen"

Als bisherige Teile der Serie sind erschienen:
Teil 1 (Buchstabe A):„Wie der Aschenberg zu seinem Namen kam“ (20. Dezember 2016)
Teil 2 (Buchstabe B):„Nachgeforscht:Bronnzell un die Slawen“ (31. Januar 2017)
Teil 3 (Buchstabe C):„Vom Cläsgentor zum Hexenturm“ (7. März 2017)
Teil 4 (Buchstabe D):„Von Duume, Doll und Diegelmann“ (18. April 2017)
Teil 5 Buchstabe E):„Von Engeln und Erstgeborenen“ (21. November 2017)
Teil 6 (Buchstabe F):„Der gemächliche Schneider“ (30. Januar 2018)
Alle Teile sind Internet unter www.fulda.de in der Rubrik „Aktuelles“ - Stadtseiten „Fulda informiert“ zu finden.