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Die damalige Steinbacher Flugwache in der Stoppeler Straße Foto: Gerda Golbach, Repro: Karl-Heinz-Burkhardt

Feuerschein bis Hünfeld

am 23.08.2019

Als die Altstadt von Kassel in Schutt und Asche versank

BURGHAUN (khb/was). Tausende von Bomben warf nicht nur die Reichsluftwaffe während des Zweiten Weltkriegs über „feindlichem Gebiet“ ab. Auch die Alliierten legten mit ihren Bombardements deutsche Städte und Industriestandorte in Schutt und Asche. Im Fokus dieser Angriffe standen neben Rüstungsunternehmen auch Verkehrsverbindungen.

Sogenannte Flugwachen hatten die Aufgabe, überfliegende feindliche Militärflugzeuge sowie Wetterlagen den Flugwachkommandos zu melden. Außer in Marbach, auf dem Aschenberg bei Fulda sowie in den Gemeinden Eichenzell und Niederkalbach befand sich eine solche Station im Burghauner Ortsteil Steinbach. Eingerichtet war sie auf einer Erhöhung am Wegesrand in der Stoppeler Straße gegenüber dem heutigen Wohnhaus von Leopold Kiel, woran sich der 87-Jährige noch gut erinnert.
Bereits zu Beginn der 30er Jahre richtete die Reichswehr Flugwachen ein. Neben einer „Melderose“, einem rund vier Meter hohen Beobachtungsstand, der verglast und wegen der besseren Akustik rundum geschlossen war, zählte ein kleines gemauertes Haus als Unterkunfts- und Ruhebereich für die Luftraumüberwacher dazu. Laut Bundesarchiv in Freiburg handelte es sich bei den Besatzungen um Weltkriegsteilnehmer, die oft aus benachbarten Dörfern kamen.
Wie aus dem Buch „Steinbach – Einblicke in 700 Jahre Dorfgeschichte“ hervorgeht, bestand die Besatzung der Steinbacher Flugwache zumeist aus Luftwaffensoldaten aus dem Dorf, die im Schichtbetrieb rund um die Uhr den Luftraum beobachteten. Als sie nach und nach zum Kriegsdienst eingezogen wurden, übernahmen Frauen deren Aufgaben. Mit Hilfe von Ferngläsern teilten diese feindliche Luftbewegungen von Bombern und Tieffliegern telefonisch den Flugwachkommandanturen Fulda und Kassel mit.
Vor allem für Kassel besaßen solche Nachrichten höchste Priorität, denn die Stadt war nicht nur ein bedeutender Eisenbahnknotenpunkt, sondern beherbergte wichtige Rüstungsbetriebe wie die Fieseler Werke (stellten die Flugzeuge Fieseler Storch, den Jäger Me 109 sowie Flugbomben her) oder Junkers in Bettenhausen. Henschel war größter Lokomotiven-Hersteller in Europa und produzierte neben Flugzeugmotoren zugleich Panzer und Geschütze sowie die Flugabwehrkanone des Kalibers 88 Millimeter. Mit Porsche entwickelte man hier die schweren Kampfpanzer Tiger I und Tiger II. Die  Waggonfabrik Wegmann baute die Türme für den Tiger. Allein bei Henschel wurden 1942 über 6000 Zwangsarbeiter in der Rüstungsproduktion eingesetzt.
Wegen seiner Rüstungsindustrie hatte die Royal Air Force bereits 1940 Kassel zum Hauptangriffsziel erklärt. Den schwersten Luftangriff erlebte die Stadt am 22. Oktober 1943 bei einem Flächenbombardement. Rund 500 Bomber vernichteten die berühmte Altstadt und trafen damit die Panzer-Produktion. Der rote Feuerschein über der Stadt war bis hin ins Hünfelder Land zu sehen, so Zeitzeugen. Die ehemalige Steinbacher Flugwarte, ein gemauertes zweigeschossiges Häuschen, wurde nach dem Krieg samt Turm wieder entfernt.