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Anden-Feeling in der Rhön: Lama-Trekking erschließt die Natur rund um Pferdskopf und Wasserkuppe auf eine neue Weise. Foto: M. Auth

Wandern wie in den Anden

am 23.03.2015

Lama-Trekking im Biosphärenreservat Rhön erschließt die Natur auf eine neue Weise

POPPENHAUSEN (mau). Die Rhön ist bekannt für ihre Artenvielfalt – doch wenn eine Gruppe Lamas den Feldweg entlang kommt, ist die Überraschung groß. Dabei passen die genügsamen Lasttiere aus den Anden perfekt ins Biosphärenreservat.

Pablo hat Hunger. Sein zotteliger Kopf ruckt beim Anblick des Grasbüschels instinktiv nach unten. „Die Tiere sind momentan ganz heiß auf alles Grüne – den Winter über mussten sie sich mit Trockenfutter begnügen. Die Handhabung ist einfach – mit dem Zügel wird sanft die Richtung vorgegeben. Die meisten Tiere kennen den Streckenverlauf aber“, instruiert Johannes Nüdling die kleine Gruppe Touristen, die aufgeregt am Sportplatz von Poppenhausen die exotischen Lasttiere begutachtet. In den nächsten Stunden werden Lama und Mensch sich aufeinander einstellen. Durch Wälder und über zugige Kuppen trotten die stoischen Herdentiere, an ihrer Seite Stadtmenschen, die Pferdskopf und Wasserkuppe zum ersten Mal sehen: „Wir haben zunehmend Gäste, die den meditativen Aspekt des Lama-Trekkings schätzen. Bürostress und Sorgen verfliegen, wenn man bewusst mit dem Lama zusammenarbeitet“, erklärt Nüdling, der sich den exotischen Andentieren vor zwölf Jahren verschrieben hat. Inzwischen besitzt er 24 Tiere. Angefangen hat er mit vier. „Auf die Touren dürfen nur charakterlich und körperlich geeignete Tiere. Selbst Kinder können problemlos ein Lama führen. Das erfordert aber eine konsequente Zuchtarbeit“, betont Nüdling, der sich das Wissen über Zucht und Umgang selbst angeeignet hat.
Lamas sind gewohnt, in Herden zu leben, Rangkämpfe unter Hengsten sind keine Seltenheit. Pablo, Estero und Chico dagegen tragen geduldig die Taschen mit Proviant durch den Wald. Nur ab und zu brummt eines der Tiere – ein Zeichen des Wohlbefindens. Bereits die Inka nutzten die gutmütigen Lamas zum Lastentransport. Bis zu 30 Kilogramm Gepäck können auf dem Rücken verstaut werden. Das Reiten ist allerdings unmöglich, selbst für Kinder: Die Wirbelsäule der Kameltiere lässt eine punktweise Belastung nicht zu, auch die Taschen müssen links und rechts der Wirbelsäule angebracht werden. Der ökologische Fußabdruck der Lamas ist gering: Die „Schwielengänger“ belasten den Boden kaum und bewegen sich lautlos über Wiesen und Felder. Die Touren durch die Rhön dauern bis zu vier Tage und führen durch eine einmalige Kulturlandschaft, die sich auch manchen Einheimischen erst durch ein Zotteltier an der Seite erschließt. „Kinder sind ganz vernarrt in die Lamas und bauen schnell eine emotionale Beziehung auf – plötzlich macht auch das Wandern Spaß“, lacht Nüdling.
Der Poppenhausener hat vor Jahren seinen Job als Vertriebsleiter beim Malteser-Hilfsdienst an den Nagel gehängt, um sich der Lama-Zucht zu widmen: „Ich bin in der Landwirtschaft groß geworden, eine gewisse Vorbildung war vorhanden. Aber ich musste schnell feststellen, dass Lamas anders als Kühe sind.“ Der Kontakt zu einem Tierarzt, der als ausgewiesener Lama-Experte neben erstem Fachwissen auch Tiere vermittelt, half weiter. Ab 2008 konnten die Lamas komplett aus eigenem Bestand gezüchtet werden. Inzwischen gilt Nüdling bundesweit als „Lama-Flüsterer“, der die Sprache und das Wesen seiner Tiere versteht. Auch der Rhöntourismus profitiert vom exotischen Image des Lama-Trekkings: „Anfangs haben die Leute sich zwar gewundert, aber das Lama passt gut ins Mittelgebirge, und auswärtige Gäste bekommen ein naturnahes Erlebnisangebot, das die Schönheit der Rhön anschaulich vermittelt“, beschreibt Nüdling.
Die Halbtagestouren dauern rund vier Stunden. Der Guckaisee ist das beliebteste Ausflugsziel. Die Tagestouren dauern rund sieben Stunden und führen unter anderem zur Wasserkuppe oder zur Enzianhütte.