Rasdorf | hr-Reportage über den Historiker Dr. Maximilian Kutzner und seine Projekte in Osthessen

Geschichten statt Geschichte

RASDORF (mbl). Ein halbes Jahr lang begleitete das Team der hr-Sendung „make it!“ den osthessischen Historiker Dr. Maximilian Kutzner. Dabei verrät er, wie Geschichte modern nähergebracht wird. Im Interview mit dem Marktkorb erläutert er, wie die Dreharbeiten abliefen und warum mehr Geld in die Geschichtsvermittlung gesteckt werden sollte.

Wie kam der Kontakt mit der Kulturredaktion des Hessischen Rundfunks zustande und wie lief die Zusammenarbeit für die hr-Reportage „make it“ ab?
Der Kontakt zu unterschiedlichen Sendern und Anstalten besteht schon länger. In meinem Beruf gehört es einfach dazu, dass man gute Geschichten aus der Geschichte auch einem größeren Publikum erzählt. Das war auch schon immer mein Ansatz. Neu war, dass sich der Hessische Rundfunk für mich persönlich und die kreativen Prozesse hinter meiner Arbeit interessiert hat. Das war im ersten Moment etwas ungewohnt, aber irgendwann ist es normal, wenn im Alltag immer eine Kamera dabei ist.

Wie liefen die Dreharbeiten?
Im Grunde werden die Zuschauer genau das sehen, was ich in meiner Arbeit bei der Geschichtsmanufaktur jeden Tag tue. Zwischen der Arbeit im Büro oder in Archiven bin ich vor allem nah bei meinen Kunden, also Museen und öffentlichen Einrichtungen. Ich bin viel unterwegs und entwerfe nicht nur Ausstellungen, ich baue sie auch. Und natürlich spreche ich mit vielen Menschen, im Film oft sprichwörtlich „am Wegesrand“. Denn jeder Mensch hat eine Geschichte zu erzählen. Dabei hat mich der hr etwa ein halbes Jahr begleitet.

In der Reportage vorgestellt werden Ihre Projekte Sonderausstellung NS-Zwangsarbeit im Kalirevier und der Iron Curtain Trail. Welche Themen behandeln die Projekte im Detail?
Puh, das ist nicht einfach, in ein paar Sätzen zu beschreiben. Das Filmteam hat oft gefragt: Wie behältst Du bei so vielen komplexen Themen noch den Überblick? Im Film wird zum Beispiel in einer Sequenz der Aufbau der Sonderausstellung zum Thema Zwangsarbeit während des Nationalsozialismus gezeigt.
Das hat mich persönlich sehr beschäftigt und das war auch ein schwieriges Thema. Sowas lässt man abends auf dem Weg nach Hause nicht einfach im Büro. Es bleibt auch noch nachts im Kopf, wenn man zum Beispiel den ganzen Tag Zeugenaussagen von Überlebenden von Konzentrationslagern gelesen hat und dann Zitate für die Ausstellung auswählt.
Die darauf folgende Sequenz zeigt mich dann, wie ich auf dem Rad durch meine Heimat in der Rhön fahre, total idyllisch und schön. Aber auch hier war ich ja auf einer Mission: Ich habe Erinnerungspunkte zur Geschichte der deutschen Teilung gesammelt. Auch das war ein Auftrag. Das zeigt, wie vielfältig mein Beruf ist.

Unterscheidet sich die Vorgehensweise und Methodik bei den beiden Projekten?
Ja, sehr stark. Ich versuche aber immer so gut es geht, mit Erinnerungen und Geschichten zu arbeiten. Mich interessiert weniger die Chronologie eines Themas, wann etwas geschehen ist und was darauf folgte. Ich suche nicht nach Geschichte, sondern nach Geschichten. Der Mensch steht für mich immer im Vordergrund, seine Erinnerungen, seine persönlichen Eindrücke und auch biografische Brüche, die uns heute deutlich machen, wie vergangene Zeiten auf Menschen wirkten.

Max Kutzner Foto: Kathleen Witt, hr

Welche Herausforderungen bestehen bei den jeweiligen Projekten?
Klar, es geht immer auch um finanzielle Mittel. Öffentliche Haushalte werden schmäler. Aber ich bin auch davon überzeugt, dass wir uns Kultur leisten müssen. Es ist alternativlos, in historische und politische Bildung zu investieren, vor allem für junge Menschen.

Warum?
Sonst suchen die bald nach vermeintlichen Alternativen, die ein ganz anderes Geschichtsbild haben. Und was dann herauskommt, das kann man jetzt schon an vielen Stellen erahnen. Hinzu kommen fachliche Herausforderungen: Zur Zeit des Zweiten Weltkriegs gibt es kaum noch Zeitzeugen. Ähnlich wird es in einigen Jahren auch zur Geschichte der DDR und der innerdeutschen Grenze sein. Was dann?

Welche weiteren Projekte werden derzeit bei der Geschichtsmanufaktur Kutzner behandelt?
Aktuell betreue ich mit meinem Kollegen und guten Freund Dorian Schott die Neukonzeption des Werra-Kalibergbau-Museums in Heringen. Hinzu kommt die Konzeption einer Gedenkstätte in Nordhessen. Dann sind da noch zwei Projekte zur Digitalisierung von Heimatmuseen in Mittelhessen. Und für die Frankfurter Paulskirche habe ich eine Besucherführung entwickelt. Außerdem laufen gerade Projekte vor meiner Haustür, bei der Gedenkstätte Point Alpha.

Wie hat sich die Vermittlung von Geschichte in den vergangenen 20 Jahren verändert?
Ich könnte mich jetzt aufregen, gegen TikTok oder Youtuber und ihre History Channels. Das tue ich aber nicht. Denn alle Formate bedienen einen Markt. Inhaltlich gibt es große Unterschiede, aber der Trend ist klar: Vor allem junge Menschen interessieren sich für Geschichte, wenn sie über das Smartphone konsumiert werden kann. Ich wünsche mir aber schon, dass sich etwas ändert. Vor allem bei den Museen.

Was genau?
Viele haben sich stark an großen und globalen Fragen ausgerichtet. Sie haben gute und kluge Konzepte, etwa zu Gender-Fragen oder dem Klimawandel. Das sind wichtige Themen. Aber ich würde mir wünschen, dass Museen und ihre Ausstellungen näher an zentrale Fragen der Mehrheitsgesellschaft heranrücken. Ich beschreibe das immer so: Ich freue mich, wenn der pensionierte Oberstudienrat meine Ausstellung besucht. Aber noch mehr freut es mich, wenn sich auch der Handwerker in seiner Mittagspause zehn Minuten Zeit nimmt, um einen kurzen Blick in eine Ausstellung von mir zu werfen. Ganz einfach, weil es ihn interessiert. Da liegt die Herausforderung. Nicht der Mensch soll ins Museum kommen, sondern das Museum zu den Menschen.

hr-Reportage „make it!“
Die dritte Folge der zweiten Staffel „make it!“ läuft am Dienstag, 11. August, um 22 Uhr im hr-Fernsehen.
„make it!“ – das neue Kulturformat des Hessischen Rundfunks (hr) zeigt Menschen aus der Kulturszene Hessens hautnah. In den 45-minütigen Reportagen dreht sich alles um ein Kulturereignis oder den künstlerischen Prozess von kreativen Köpfen aus verschiedenen Regionen Hessens. Video-Journalistinnen und -Journalisten begleiten Kunst- und Kulturschaffende dabei, wie aus einer Idee etwas Großes entsteht.
In der drittenFolge der zweiten Staffel begleitet das Team des hr Dr. Maximilian Kutzner aus Rasdorf. Auf dem Iron Curtain Trail fährt er mit dem Fahrrad entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze, sammelt Geschichten von Zeitzeugen und sucht neue Perspektiven an Orten wie Point Alpha. Parallel arbeitet er an der Aufarbeitung vonNS-Zwangsarbeit in den unterirdischen Kali-Stollen, derenExistenz sichtbar, aber bis heute verdrängt ist. „make it!“ zeigt seine Mühen um Aufklärung und gegen Geschichtsvergessenheit.

Hintergrund
Dr. Maximilian Kutzner ist der Gründer der Geschichtsmanufaktur Kutzner. Er ist in Rasdorf aufgewachsen und Historiker mit dem Schwerpunkt auf Zeit- und Wirtschaftsgeschichte. Ebenfalls in Rasdorf befindet sich das Büro der Geschichtsmanufaktur Kutzner, eine weitere Außenstelle in Berlin. Die Vollagentur erstellt museale und touristische Gesamtkonzepte, kuratiert und realisiert Ausstellungen und entwickelt Marketingkonzepte zur Unternehmensgeschichte.