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Klärten in der Adolf-von-Dalberg-Schule über kindliche Mediennutzung und darin liegende Gefahren auf: Gymnasiallehrer und Referent Clemens Groß, Martina Gilbert und Gudrun Vieth-Stein. Foto: Mirko Luis

2.500 Nachrichten pro Tag

am 13.03.2020

Smartphones rauben süchtigen Jugendlichen den Schlaf / Gefahren im Netz steigen

FULDA. Manche Eltern ost-hessischer Schulkinder ahnen wahrscheinlich nicht einmal, warum ihre Schützlinge morgens so schwer aus den Federn zu bekommen sind. Dabei würde es reichen, das zum Geburtstag oder Weihnachten geschenkte Handy mal genauer zu checken – insbesondere Chat-Verläufe in populären Messaging-Diensten wie Whatsapp. 500 Nachrichten zwischen 22 und 6 Uhr bei einer siebten Klasse sind hessischen Bildungsexperten zufolge auch in Osthessen keine Seltenheit.

Nach Zahlen, die Referent Clemens Groß am Montagabend in einer öffentlichen Fortbildungsveranstaltung für Eltern, Lehrer und am Thema interessierten Bürgern an der Adolf-von-Dalberg-Schule vorstellte, sind 2.500 Nachrichten pro Tag für viele Jugendliche keine Seltenheit. „Dass da keine Zeit mehr bleibt, Englisch-Vokabeln zu lernen, dürfte klar sein“, sagte der 50-jährige Mathematiklehrer, der an der Freiherr-vom-Stein-Schule unterrichtet. Die Angaben von Groß bezogen sich auf die JIM-Studien des medienwissenschaftlichen Forschungsverbundes Südwest der Jahre 2014 – 2018. Unterdessen sprach der Vater zweier Kinder im Alter von 12 und 14 Jahren vor rund 40 Zuhörern aus, was Schlafmediziner und Psychologen gebetsmühlenartig predigen. „Smartphones gehören weder in ein Schlaf- noch in ein Kinderzimmer!“ Es gebe Kinder und Jugendliche, die sich den Wecker stellten und sich gegen 1 Uhr nachts noch einmal einloggen würden, um zu schauen, was in der Gruppe passiert.
Das von der Angst begleitete Phänomen, eine soziale Interaktion, eine ungewöhnliche Erfahrung oder ein befriedigendes Erlebnis zu verpassen, werde FOMO genannt – die vier Buchstaben stehen für die englische Fachbezeichnung „fear of missing out“. Außer in Gegenden mit Funklöchern seien Jugendliche immer erreichbar. Guten Freunden werde innerhalb von 30 Sekunden geantwortet. Wann? „Immer.“ Zu den Motiven des unkontrollierten Medienkonsums zitierte Groß eine Umfrage unter 1300 dänischen 13-Jährigen, die zum Schluss kam, dass eine Mehrheit der Schulkinder ihre Eltern vermisst und mehr ungestörte Zeit mit ihnen verbringen wollte. Eltern, die dies beherzigten und ihren Kindern Quality-time (englisch für „Qualitätszeit“) schenkten, täten bereits aktiv etwas für die Prävention von Gefahren, die ungefilterter Medienkonsum bringe.

Cybermobbing auf Vormarsch

Und die seien, wie Clemens Groß den teilweise sprachlosen Eltern versicherte, enorm. Seinen Angaben zufolge spielen 83 Prozent nicht altersgerechte Spiele, davon sogar 70 Prozent mit Wissen der Eltern. 73 Prozent der Jugendlichen im Netz hierzulande hätten außerdem schon Cybermobbing miterlebt, 38 Prozent wurden sexuell angesprochen. Dem Experten zufolge traf sich schon jeder Vierte (26 Prozent) mit Internetbekannten oder erhielt Nacktfotos (25 Prozent). „Es ist ja grundsätzlich nicht verkehrt, sich mit Internetbekanntschaften zu treffen, denn vielleicht lernt man im Minecraft-Chat (Anm. d. Red.: ein beliebtes Spiel unter Grundschulern und Teenagern, in dem Konstruktionen aus zumeist würfelförmigen Blöcken in einer 3D-Welt gebaut werden) jemanden kennen, der super nett ist“, so Groß. „Aber hier sollte die Mama unbedingt dabei sein.“
Unterdessen haben Kinder und Jugendliche offenbar Hemmnisse, sich an die Eltern zu wenden. „Nur acht Prozent trauen sich das, wenn etwas schiefgelaufen ist“, nannte Groß eine weitere bemerkenswerte Zahl, die nachdenklich stimmt. Bis zu acht Mal müsse ein Kind einen Erwachsenen aus seinem Umfeld zu Hilfe rufen, bevor es ernstgenommen werde. Häufig bekämen das die Erwachsenen erst mit, wenn die Kinder reif für die Psychiatrie seien – und die seien auch in Osthessen voll. „Die jungen Leute müssen ernstgenommen werden“, mahnte Groß an.
Wenn Minderjährige Smartphones nutzten, sei vielen Eltern leider nicht bewusst, dass sie weiterhin rechtlich voll für die Kommunikation, die über diese Geräte läuft, verantwortlich seien. Da Jugendliche gar nicht geschäftsfähig seien, nutzten sie lediglich die Handys, Eigentümer blieben die Eltern. „Wenn dann mit so einem Gerät andere Schüler gemobbt oder drangsaliert werden, sind die Eltern dran“, warnte der Referent, der im Verlauf des weiteren Abends noch sehr detailliert auf rechtliche Tücken beim Messaging-Dienst Whatsapp einging, spontane Fragen aus dem Publikum beantwortete und Tipps zu sicheren Seiten im Netz gab (siehe Infokasten).
Die Veranstaltung wurde vom Staatlichen Schulamt Fulda und des Programms „Eltern schulen aktive Eltern“ (elan) angeboten. Im Auftrag des Landeselternbeirats von Hessen und dem Hessischen Kultusministerium sind elan-Vertreterinnen bestrebt, durch Informations- und Fortbildungsangebote die Teilhabe von Eltern an der Entwicklung hessischer Schulen weiter zu stärken. Die Bandbreite der Themen ist vielfältig und reich von Erziehungsaspekten über Tipps für einen gelungenen Elternabend bis hin zu Fragen des Kinderrechts und der Schulentwicklung. „Wir haben in Hessen ein ganz tolles Schulsystem, das aktive Elternarbeit begrüßt. Sie können hier richtig etwas bewirken, in das Schulsystem mit einzugreifen, sodass Ihre Kinder einen guten effektiven Unterricht bekommen“, lud elan-Multiplikatorin Gudrun Vieth-Stein eingangs der Veranstaltung zum Thema reflektierter Umgang mit neuen Medien die anwesenden Eltern zur Mitarbeit ein. Sie gehört neben Martina Gilbert und Claudia Füller zu den drei elan-Multiplikatorinnen des Schulamtsbezirks Fulda. Abschließend bedankten sich Vieth-Stein und Gilbert beim Referenten für dessen ausführlichen Exkurs in die komplexe Materie.

Eltern-TIPPS & KONTAKT

Weitere Informationen zum Thema sichere Seiten im Netz finden Eltern hier:
www.medien-sicher.de
www.handysektor.de
www.klicksafe.de
www.sicher-im-netz.de
Weitere Informationen zu elan erhalten sie unter www.elan-hessen.de

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