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„Die Pöbeleien nehmen zu“

am 29.01.2020

Institutionen und Ämter beklagen Gewalt und Respektlosigkeit gegenüber ihren Mitarbeitern

REGION. Landauf, landab beklagen Ämter und Institutionen eine zunehmende Verrohung innerhalb der Gesellschaft.Das häufige Ziel von Frust und Gewalt:die Mitarbeiter. Auch in Osthessen nimmt dieses Problem immer stärker zu, wie eine aktuelle Umfrage belegt.

Mit wem es die Pöbler und Gewalttäter zu tun haben, scheint ihnen am Ende egal zu sein. So kann es beim Landkreis Fulda vom Sachbearbeiter in der Fachabteilung bis hin zu Landrat Bernd Woide an der Verwaltungsspitze eigentlich jeden treffen (siehe Artikel unten). Der Landkreis geht völlig zurecht rigoros gegen Beleidigungen, Bedrohungen und Angriffe vor und bringt alle Vorfälle zur Anzeige.
Die Hessische Finanzverwaltung ist vor wenigen Tagen gar so weit gegangen, die eigenen Steuerfahnder mit schusssicheren Westen auszustatten. Da das Finanzamt Fulda über keine eigene Steuerfahndung verfügt, gibt es dort auch keine Zahlen zu Übergriffen.
Konkrete Zahlen – wenn auch vorläufige – hat aber vor einiger Zeit die Hochschule Fulda zum Thema Gewalt an Hessens Notaufnahmen – darunter auch die Fuldaer – erhoben. Demnach haben 76 Prozent der befragten Mitarbeiter in den Notaufnahmen schon einmal körperliche Gewalt im Job erlebt – verbal sogar bereits 97. Bereits jeder Vierte hat schon über einen Jobwechsel nachgedacht.
Vor allem nachts scheint das Problem besonders groß zu sein. Denn 39 Prozent der Umfrageteilnehmer fühlen sich nachts meist nicht oder sogar nie sicher.
WennSie die Arbeit der Ämter und Institutionen würdigen möchten, können Sie an unserer kleinen Dankeschön-Aktion teilnehmen (siehe unten).

Stadtverwaltung Fulda
Im Fuldaer Stadtschloss sind Beleidigungen und Beschimpfungen mittlerweile an der Tagesordnung – schwere Fälle sind dabei allerdings eher die Ausnahme. Eine Statistik zu Übergriffen gegen Mitarbeiter führt die Stadtverwaltung nach Angaben von Magistratspressesprecher Johannes Heller nicht, allerdings beobachten die Verantwortlichen je nach Abteilung unterschiedliche Ausprägungen von Respektlosigkeit und Gewalt. So sind beispielsweise Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Obdachlosenbetreuung häufig mit massiver Gewalt gegen Sachen konfrontiert und teilweise körperlich bedroht. Mitarbeiter des Jugendamts, die etwa Inobhutnahmen von Kindern durchführen müssen, fordern in vielen Fällen Unterstützung durch die Polizei an. Ebenfalls, zumindest hin und wieder, greift das Bürgerbüro auf die Polizisten der benachbarten Stadtwache zurück – was in wiederholten Fällen die Situation entschärfen konnte. Mitarbeiter, bei denen das Risiko groß ist, dass sie aufgrund ihrer Aufgabe in kritische Situationen verwickelt werden, werden laut Stadt regelmäßig in Deeskalationsstrategien geschult.

DRK-Kreisverband Fulda
Pöbeleien, Rangeleien und Versuche, sich in den Weg zu stellen, nehmen auch gegenüber Rettungs- und Hilfskräften zu. Das berichtet Christoph Schwab, Vorstandsvorsitzender des DRK-Kreisverbands Fulda. Viele der Helfer empfänden dieses respektlose Verhalten als belastend. „Der Gaffer, der sich heute in den Weg stellt, kann morgen selbst betroffen sein und dringend medizinische Hilfe benötigen“, sagt Schwab. Er selbst sei immer wieder sprachlos, wenn es solche Übergriffe gebe.
Beim DRKstehen zum Schutz der Einsatzkräfte Deeskalationskurse als Standard in der Fortbildung der Notfalleinsatzkräfte auf dem Programm. Denn – so weiß der lebens- und praxiserfahrene Schwab – lägen bei Einsätzen, bei denen es auf jede Minute ankommt, durchaus die Nerven blank.
Schwab ist froh, dass sich hohe Strafen, die Autofahrern drohen, die etwa keine Rettungsgasse bilden, scheinbar herumgesprochen haben. Trotzdem sieht der DRK-Chef eine Notwendigkeit, dass Polizei und Ordnungskräfte sowie die Justiz nicht lockerlassen, um die Wichtigkeit von Rettungsgassen in den Köpfen zu verankern. „Gaffer, die mit dem Smartphone hantieren statt Erste Hilfe zu leisten, sollten sich bewusst machen, dass sie damit nicht nur eine Straftat begehen, sondern auch das Leben anderer gefährden.“

Landkreis Fulda
Beim Landkreis Fulda hat es in den letzten fünf Jahren 20 Verfahren wegen  Angriffen auf Verwaltungsmitarbeiter, Bürgermeister und ehrenamtliche Kommunalpolitiker gegeben. Erst am 9. Dezember wurde in der Kreistagssitzung eine Anfrage der SPD-Fraktion zu genau diesem Thema beantwortet. Zwar habe es 2018 und 2019 keinen tätlichen Angriff  auf Mitarbeiter des Landkreises gegeben, aber in verschiedenen Fachdiensten kommt es zu Fällen von Beleidigungen sowie Bedrohung. Schwerpunkte bilden herbei die Fachdienste mit Außendienstbezug wie der Bereich der Kfz-Zulassung, der Forderungsvollstreckung, der Bauaufsicht und dem Veterinärwesen. Daneben gibt es in Bereichen mit ausgeprägtem Kundenverkehr, wie dem Fachbereich Arbeit und Soziales, der Ausländerbehörde, der Waffenbehörde sowie im Bereich des Bürgerservice solche Vorfälle. Ziel des Landkreises ist es, dass jeder erhebliche Vorfall zur Anzeige gebracht wird, um eine strafrechtliche Ahndung zu ermöglichen.
Ein konketes Beispiel: 2017 hat ein Kunde des Kreisjobcenters zahlreiche beleidigende Schreiben an das Jobcenter und dessen Sachbearbeiter sowie Landrat Bernd Woide geschrieben. Darin beschimpfte er den Landrat und die Mitarbeiter als „rechtsradikale Gewalttäter, Rufmörder, Todesmobber, Aufhetzer, Falschberichtler, postfaschistische Täter und Irre“. „Das haben wir so nicht auf uns sitzen lassen“, betont Landrat Bernd Woide. Die Vorfälle wurden zur Anzeige gebracht und landeten im Dezember 2019 vor Gericht. Der Mann wurde wegen Beleidigung in vier Fällen zu einer Geldstrafe verurteilt.

Gemeinde Flieden
Fliedens Bürgermeister Christian Henkel berichtet, dass er selbst keine negativen Vorfälle wie Beschimpfungen zu beklagen hätte. Er erwähnt aber, dass ein ihm bekannter Mandatsträger in der Gemeinde sehr schlimme Erfahrungen gemacht habe. Dabei sei der Kommunalpolitiker stark bedroht worden. Derzeit gebe es in Flieden kein Thema, dass die Gemüter erhitze und womöglich gar Gewalt provoziere. „Man kann aber schon feststellen, dass in den letzten Jahren die Hemmschwelle, sich aggressiv gegen Amtsinhaber zu äußern, gesunken ist. Das Internet heizt die teils schon vorhandene Wut weiter an.“

Vogelsbergkreis
Auch in der Verwaltung des Vogelsbergkreises sind Drohungen, verbale und körperliche Gewalt gegenüber Amtsträgern und Mitarbeitern durchaus ein Thema. „Wir nehmen das Thema sehr ernst und verfolgen die Entwicklungen in der Gesellschaft sehr aufmerksam“, sagt Landrat Manfred Görig. Auch er sei schon mehrfach zur Zielscheibe verbaler Drohungen geworden, führt er weiter aus. „Ein umfassender Schutz für alle staatlichen Amtsträger wird nicht umzusetzen sein – zeitlich begrenzte Schutzmaßnahmen sind trotzdem sehr wichtig, wenn es konkrete Bedrohungen gibt.“
Im Internet ist die Hemmschwelle stark gesunken. „Leider gehört es schon fast zur Normalität, dass – oft auch ohne Klarnamen – richtig losgelegt wird“, führt Görig an. Es stelle sich die Frage, wie weit der Weg zu tätlichen Angriffen dann noch sei. „Gegen Hetze muss straffer vorgegangen werden. Strafrechtlich Relevantes muss verfolgt und gelöscht werden“, fordert der Landrat. „Mitmenschen ohne Konsequenzen zu verunglimpfen, hat mit freier Meinungsäußerung und sachlicher Diskussion wenig zu tun – Es gibt Grenzen, die akzeptiert werden müssen.“
Nicht nur die Kommunalpolitik würde von strengeren Regeln profitieren, ist sich Landrat Görig sicher.

Agentur für Arbeit Fulda
Von tätlichen Übergriffen – wenn auch nur sehr selten – berichtet Waldemar Dombrowski, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit in Fulda. Verbale Entgleisungen hätten in den vergangenen Jahren allerdings deutlich zugenommen. In diesemZusammenhang verfolgt die Agentur eine Null-Toleranz-Politik. Laut Dombrowski wird im Fall von körperlichen oder verbalen Übergriffen ein Hausverbot erteilt und die Polizei eingeschaltet. Bei der Ausstattung des Gebäudes und der Büros wird der Aspekt der Gewaltprävention beachtet. So haben beispielsweise spitze Gegenstände auf den Schreibtischen nichts zu suchen. Stühle, die als Wurfgeschosse missbraucht werden könnten, sind in den Wartezonen der Arbeitsagentur nicht zu finden. „In weit über 99 Prozent der Fälle funktioniert die Kommunikation mit unseren Kunden allerdings reibungslos“, betont Dombrowski.

Sagen Sie einmal Danke!

Wenn die Schilderungen auf dieser Seite Sie, liebe Leserinnen und Leser, nachdenklich machen oder gar schockieren, haben Sie die Möglichkeit, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Ämtern und Institutionen einmal für ihre Arbeit zu danken.
Schreiben Sie uns, warum Sie glücklich sind, dass es bei uns in Osthessen Rettungsdienste, Kreisverwaltung, Polizei, Arbeitsagentur oder Stadt- und Gemeindeverwaltungen gibt. Gerne auch mit einem konkreten Beispiel, was Sie besonders glücklich gemacht hat oder macht. Wir sammeln Ihre Nachrichten und übergeben diese dann an die jeweiligen Empfänger. Schreiben Sie am besten eine Mail an redaktion@marktkorb.de.

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