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Der Marktkorb von Donnerstag, 23. November 1989 berichtete von den Dankesbriefen an Gorbatschow. Fotos: Siglinde Kallnbach

Kunstprojekt wirkt bis heute

am 03.01.2020

Aktionskünstlerin Siglinde Kallnbach sammelt seit Grenzöffnung „Nachrichten für Gorbatschow“

TANN. Die Künstlerin Siglinde Kallnbach wuchs im Zonenrandgebiet auf. Nach der Grenzöffnung widmete sie sich dem Projekt „a performancelife“, das bis heute – 30 Jahre nach der Grenzöffnung – seine Wirkung zeigt.

„Es war wie ein Rausch“ erinnert sich die Künstlerin Siglinde Kallnbach an die Zeit der Grenzöffnung. „An den Wochenenden waren die Städte im Zonenrandgebiet regelrecht verstopft, kein Durchkommen mehr auch in Kassel, wo ich damals studierte. Mit wildfremden Menschen lag man sich in den Armen. Ich nahm Ostdeutsche, die ‚friedlichen Revolutionäre‘, wie wir sie manchmal nannten, mit nach Hause und bewirtete sie, wie das viele meiner Kommilitonen auch taten. Uns begeisterte, dass die Revolution friedlich verlaufen war, und begeistert waren wir von Michail Gorbatschow, der mit Glasnost die politischen Voraussetzungen geschaffen hatte, dass die Mauer fallen konnte.“
An den ersten Wochenenden der offenen Grenzen war Siglinde Kallnbach damit beschäftigt, „Nachrichten für Gorbatschow“ zu sammeln. Meter um Meter wurden eng beschrieben, unter anderem in Kassel oder Fulda. Hier schrieb der damalige Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Hamberger über das Wunder der Öffnung: „Großartig! Ein demokratischer Aufbruch des Volkes der DDR für Frieden und Freiheit“, und er schloss den Wunsch an: „Geht den Weg bis zum guten Ende!“ Ein Erfurter schrieb: „Wir können wieder aufrecht gehen“. Ein Teilnehmer aus Fulda: „Ich träume von einem Deutschland ohne Grenzen.“ Ein großes Paket mit diesen Statements schickte die Initiatorin und Künstlerin Siglinde Kallnbach, anschließend nach Moskau, denn, so Kallnbach: „Gorbatschow war der Grund, warum diese Revolution friedlich blieb“.
„Es war am Schluss ein Riesenpaket, das ich nach Moskau schickte“, erinnert sich die Künstlerin. Gorbatschow selbst ist sie später bei einem seiner Besuche in Bonn begegnet. „Es war großartig, Teil von Tausenden ‚Gorbi! Gorbi!‘ rufenden Menschen zu sein.“
Noch immer – 30 Jahre später – bündelt die Künstlerin Wünsche und Solidaritätsbekundungen. „Im Prozess selbst liegt schon Kraft. Nicht nur das Ergebnis zählt“, sagt sie und bekräftigt ihren „Glauben an die Aktivierung der Macht von guten Wünschen und Gebeten als Pendant zu Hass und Gewalt“.
Bei ihrem – inzwischen lebenslangen – Projekt „a performancelife“ bleibt die Grundidee der Empathie bestehen, wenn auch sich über die Jahre Formen und Ausdrucksweisen wandelten. So gibt es ein Dorf von 35 von oben bis unten beschriebenen „a performancelife“ Häusern, eine „Friedensarmee der weißen Anzüge“, vorwiegend beschriftet in Japanisch und Chinesisch. Kallnbach, selbst mehrfach an Krebs erkrankt, stellte einige Jahre das Mitgefühl mit Krebskranken in den Mittelpunkt der gesammelten Äußerungen, später auch das mit Opfern von Terroranschlägen. „Terror ist der Krebs der Menschheit“, sagt Siglinde Kallnbach. Attackierte Politiker sind hin und wieder Adressaten, etwa Dr. Andreas Hollstein aber auch Unbekannte, „Menschen wie Du und ich, die Unterstützung nötig haben“, ohne Beschränkungen von Zugehörigkeit, Religion, Herkunft oder Geografie.
Kallnbachs lebenslanges Kunstprojekt „a performancelife“ wendet sich gegen Gewalt verschiedenster Schattierungen und ist ein leidenschaftliches Plädoyer für ein friedliches Zusammenleben Aller. Dabei schreckte sie auch vor drastischen Artikulationen in ihren Performances früherer Jahre nicht zurück.
Ihre Ausstellung im Naturmuseum Tann/Rhön ist noch an diesem Wochenende bis zum 6. Januar 2020 zu sehen. Dort hat Siglinde Kallnbach auch ein Großfoto der ehemaligen Rhöner Grenze zur DDR ausgestellt. Als Gast hat sie Jürgen Raap eingeladen, der sich mit Malerei auf Aktionen der Künstlerin bezieht sowie Rhönlandschaften zeigt. In einer Vitrine sieht man Kopien der Arbeiten für die Familien des engagierten ermordeten Politikers Walter Lübcke und der ermordeten 17-jährigen Elima aus NRW vereint. In einer Führung durch die Ausstellung in ihrer Muttersprache, dem Rhöner Dialekt, erklärte Kallnbach: „In beiden Fällen bleiben trauernde Angehörige zurück, die einen großen, schmerzlichen Verlust erlitten haben. Durch einen Mord, einmal begangen von einem Rechtsradikalen, das andere Mal von einem jungen Asylbewerber. Die eine leidtragende Familie ist alt eingesessen, die andere eine mit Migrationshintergrund.“ Und weiter, unter Tränen: „Wir sind alle Menschen, vereint im Schmerz – und in der Liebe.“
www.tann-rhoen.de/index_main.php?unid=921

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