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Unter Oberbürgermeister Georg Antoni (Amtszeit 1894 bis 1930) wurde die Volkshochschule gegründet. Fotos: Stadt Fulda

„Das Gemüt bilden, den Charakter veredeln“

am 29.01.2020

Zur Geschichte der Städtischen Volkshochschule (Teil 1) / Gründung in politisch bewegten Zeiten

FULDA (fd). Die Städtische Volkshochschule Fulda ist eine der traditionsreichsten Bildungseinrichtungen der Region. Das Licht der Welt erblickte sie im Januar 1920 – in politisch bewegten Zeiten. Und auch in all den Jahrzehnten ihres Bestehens ist sie immer auch Spiegelbild der gesellschaftlichen Entwicklungen der jeweiligen Epoche gewesen. Jetzt feiert sie ihr 100-jähriges Bestehen. In einer kleinen Serie soll die Geschichte der Städtischen Volkshochschule beleuchtet werden.

Die Volkshochschule der Stadt Fulda wurde am 6. Januar 1920 in einem feierlichen Festakt, zu dem die gesamte Bevölkerung eingeladen war, im Stadtsaal eröffnet. Die Gründung war, so lässt sich den Quellen entnehmen, sehr gründlich vorbereitet worden. Auf Einladung des Oberbürgermeisters Dr. Georg Antoni und auf Initiative von Landesbibliothekar Dr. Aloys Ruppel hatten sich am 9. September 1919 etwa 50 Persönlichkeiten zusammengefunden, um über die Errichtung einer Volkshochschule in Fulda zu beraten. Darunter waren Vertreter der Fuldaer Städtischen Körperschaften, die Leiter der Schulen, Geistliche, Repräsentanten der Vereine und Berufsorganisationen sowie Vertreter der Presse.
Dr. Ruppel formulierte das Ideal, wonach die Volkshochschule eine Hochschule des gesamten Volkes, aller Schichten, aller Bildungsgrade, aller Konfessionen, aller Parteien sein und danach streben solle, „das Gemüt zu bilden und den Charakter zu veredeln“. Es müsse auch „in den handarbeitenden Kreisen das Bedürfnis nach geistiger Arbeit wachgerufen werden“, forderte der Arbeitersohn Ruppel aus Neuhof, der später in Mainz Professor wurde. Ein vorbereitender Ausschuss der Volkshochschule war am 18. November 1919 in seiner Arbeit soweit vorangeschritten, dass ein Beirat aus 50 Mitgliedern, als Vertretung aus allen Schichten der Bevölkerung, zusammentrat.
Es ist beeindruckend, mit welchem Engagement diese neue Bildungseinrichtung vorangetrieben wurde und wie sehr man sich darum bemühte, dieses Vorhaben zu popularisieren. Besonders die Fuldaer Zeitung machte kräftig Werbung. Die Volkshochschule sei eine Angelegenheit der Gesamtbewohnerschaft Fuldas, sie sei für alle Erwachsenen da, ohne Rücksicht auf Beruf, Stellung, Vermögen, Konfession, Partei und Geschlecht, hieß es in der Presse.
So ist es nicht verwunderlich, dass die Eröffnungsfeier der Volkshochschule zu einem herausragenden Ereignis der Kulturgeschichte Fuldas wurde. Der große Stadtsaal war am 6. Januar 1920 bis auf den letzten Platz besetzt, als Oberbürgermeister Dr. Antoni die gesamte Bürgerschaft aufforderte, in der „zeitgemäßen Volksbildungszentrale, der Volkshochschule“ mitzuarbeiten. Die soziale Frage, so Dr. Ruppel in seiner Festrede, sei letzten Endes eine Bildungsfrage.
Schwungvoll und engagiert entfalteten sich die Anfänge der Fuldaer Volkshochschule. Man plante im Rhythmus von Trimestern, während es heute nur noch Semester gibt. Die Vorträge erstreckten sich auf acht verschiedene Wissensgebiete. Beispielsweise gab es eine Vortragsreihe „Buch und Bildung“ unter der Überschrift „Allgemeine Wissenschaftskunde“. In Religionsphilosophie findet sich einen Vortrag zu „Bibel und Wissen“, in den Naturwissenschaften eine Reihe zur Darwinschen Entwicklungslehre. Auch gibt es lebenspraktische Vorträge wie etwa „Chemisches aus dem täglichen Leben“, „Moderne Wettervorhersage und alte Wetterregeln“, und im Kapitel Medizin widmet man sich der Vermeidung von Krankheiten.
Insgesamt ist es ein ausgesprochen detailliertes Vortragsangebot. Die neue Weimarer Reichsverfassung wird ebenso erläutert wie die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands im 19. Jahrhundert. In Geschichte und Literatur finden sich Veranstaltungen zum Deutschen Volkslied, in Literatur geht es vornehmlich um Goethe.
Die Vorträge fanden in der Regel montags bis samstags jeweils von 16 Uhr bis 19 Uhr statt. Als Unterrichtsgebäude hatte die Stadt die Domschule zur Verfügung gestellt. Teilweise fanden sie auch in der Landesbibliothek statt, zuweilen sogar in Turnhallen oder im großen Stadtsaal, um die Fülle der eingeschriebenen Hörer unterzubringen.
Bemerkenswert ist, wie sehr sich das erste Vorlesungsverzeichnis selbstkritisch und reflektiv darstellt. Unter dem Leitsatz, „Was will die Volkshochschule?“ schreibt Aloys Ruppel noch einmal, dass die Volkshochschule eine Arbeitsgemeinschaft von Geistigen und Handarbeitern sei. Ausdrücklich betont wird, dass die Volkshochschule eine „Bekämpferin der Halbbildung“ sei. Ihre Aufgabe sei nicht Unterhaltung, sie setze bei ihren Hörern Ernst des geistigen Strebens voraus. Der Volkshochschule sei die Beschäftigung mit geistigen Dingen heilig. Sie erziehe das Volk zur Ehrfurcht vor dem Geist, zur Wertschätzung geistiger Arbeit.
Der Bildungshunger der Fuldaer Bevölkerung scheint in dieser Zeit groß gewesen zu sein: Manche Vorträge fanden vor mehr als 500 Teilnehmern im großen Stadtsaal statt, zuweilen mussten sie samstags wiederholt werden. Die Fuldaer Zeitung sprach von einem beispiellosen Erfolg, da 18 Kurse von über 1500 Hörern 3647 mal belegt worden seien. „Auch kühne Erwartungen über den Eifer der Beteiligung an der Volkshochschule sind in Wirklichkeit überflügelt worden“.

Volkshochschul-Bewegung in Deutschland

Nach der Katastrophe des Ersten Weltkrieges gab es überall in Deutschland einen breiten gesellschaftlichen Konsens zur Gründung von Volkshochschulen. Dabei war die Idee nicht gänzlich neu: So gab es als Vorläufer Ende des 19. Jahrhunderts die sogenannte Universitätsausdehnungsbewegung mit dem Ziel, auch Arbeiter und Handwerker am öffentlichen Vortragswesen teilhaben zu lassen. Weitere Vorläufer aus dem 19. Jahrhundert sind die Arbeiter- und Handwerker-Bildungsvereine, die auf Initiative von Gewerkschaften und Kirchen gegründet wurden, sowie das dänische Vorbild der Heimvolkshochschule nach Frederik Grundtvig. Als erste Volkshochschule in Deutschland wird gemeinhin die Berliner Humboldt-Akademie bezeichnet, in welcher seit 1879 wissenschaftliche Vorträge in populärer Form den nicht akademisch gebildeten Bürgern vermittelt werden sollten.
Die Gründung der meisten Volkshochschulen geschah jedoch – wie auch in Fulda – unmittelbar nach Ende des Ersten Weltkrieges. Von ausschlaggebender Bedeutung war der Umstand, dass Artikel 148 der Weimarer Reichsverfassung von 1919 die Förderung des Bildungswesens einschließlich der Gründung von Volkshochschulen erstmals als Bestandteil verfassungsmäßiger Grundrechte verankerte.