Menü Button
mk Logo
Marktkorb Logo
OB Wingenfeld gratulierte Hildegard Hohberg herzlich zum 100. Geburtstag. Foto: Stadt Fulda

Der Seniorentanz hat sie jung gehalten

am 07.01.2020

Hildegard Hohberg feierte 100. Geburtstag / Bewegendes Vertriebenenschicksal / OB würdigt Lebensleistung

FULDA (jo). Tief beeindruckt von der Lebensgeschichte der Jubilarin hat sich Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld beim Gratulationsbesuch zum 100. Geburtstag bei Hildegard Hohberg gezeigt. „Wie Sie Ihr Schicksal gemeistert haben, nötigt mir allerhöchsten Respekt ab“, sagte Wingenfeld zu der überaus rüstigen Seniorin. 

Hildegard Hohberg, die seit zwei Jahren im Mediana-Wohnstift zu Hause ist, lebt zwar schon seit 1945 im Raum Fulda, doch sie fühlt sich im Herzen immer noch als Schlesierin. „Wenn ich irgendwo hier im Wohnstift jemanden mit schlesischem Akzent reden höre, dann würde ich ihn am liebsten sofort ansprechen“, erzählte die Jubilarin, die am 19. Dezember 1919 in Probsthain geboren wurde und ihre Grundschulzeit in Zobten/Kreis Löwenberg in Schlesien verbrachte.
Nach dem „Pflichthaushaltsjahr“ und dem Arbeitsdienst arbeitete sie ab 1937 als Uniformnäherin in der Rüstungsindustrie. Schließlich wurde sie im Jahr 1938 bei der Reichsbahn dienstverpflichtet. Hier lernte sie Kurt Hohberg aus Gröditzberg/Kreis Goldberg (Schlesien) kennen und lieben. Im Winter 1943 heirateten sie. Zwei Kinder wurden geboren, die jedoch während der kriegsbedingten Vertreibung aus der Heimat Schlesien (Hohberg: „Es war eine schreckliche Zeit“) den Tod fanden. 
Durch Zufall erfuhr Hildegard Hohberg nach dem Krieg, dass ihr Mann in Gersfeld in der Rhön schwer verwundet im Lazarett lag, und ihr gelang es, sich unter abenteuerlichen Umständen über Görlitz zu ihrem Mann in den amerikanischen Sektor durchzuschlagen. 1946 siedelte das Paar mit ihrem neu geborenen Sohn von Gersfeld nach Eichenzell. Das zweite Kind wurde 1949 geboren, und in den 1950er Jahren zog die Familie in eine größere Wohnung ins Fuldaer Südend. Hier nun arbeitete Hildegard Mehler als Verkäuferin in der damals neu gegründeten Tegut-Filiale in der Ronsbachstraße, während ihr kriegsversehrter Mann, der einst Kunstschmied gelernt hatte, eine Beschäftigung an der Pforte der Firma Mehler fand. Zwei weitere Kinder wurden in dieser Zeit geboren.
Aufgrund ihrer tiefen Verbundenheit zum evangelischen Glauben und der Nähe zu Pfarrer Kappner übernahm Hildegard Hohberg das Pfarrsekretariat der evangelischen Lutherkirche und leitete unter anderem auch den Frauenkreis der Gemeinde. Hier bekam sie erstmals Kontakt zum damals neuen Bereich „Seniorentanz“ und ließ sich zur ersten Seniorentanzleiterin Fuldas ausbilden.
Ende 1982 ging sie in den wohlverdienten Ruhestand, und da sie im gleichen Jahr Witwe geworden war, widmete sie sich nun noch intensiver und mit all ihrer Kraft der selbst gewählten Aufgabe. Der „Seniorentanz“ war ihr Herzensanliegen, das sie in der ganzen Region bekanntmachte. Zahlreiche Neugründungen von Seniorentanzkreisen initiierte sie mit. 
2004 zog sie von Fulda zurück nach Eichenzell und erweckte auch hier, den lose bestehenden Tanzkreis der Gemeinde zu neuem Leben. Im Jahr 2008, mit 89 Jahren, fand sie dann ein neues Zuhause in der Neulandstiftung Eichenzell. Bei guter Gesundheit führte sie auch dort ihren Haushalt noch weitestgehend eigenständig und nahm rege am kulturellen und kirchlichen Leben der Gemeinde Eichenzell teil.
Doch im Laufe der folgenden Jahre wurde es immer schwerer, das eigenständige, selbstversorgte Leben zu führen, denn das Augenlicht wurde immer schlechter. Nicht nur deshalb entschied sie sich 2017, unterstützt von ihrer Familie, noch einmal ganz neu zu beginnen und zog in das Mediana-Wohnstift, wo sie seither ein sehr ruhiges, unaufgeregtes, friedliches Leben führt – und gelegentlich auch heute noch am Seniorentanz teilnimmt.
Zum Ehrentag gratulierte vor allem die Familie: vier Kinder, sechs Enkel- und sieben Urenkelkinder. Das siebte Urenkelchen Joshua war übrigens erst drei Tage vor dem 100. Geburtstag der Uroma zur Welt gekommen.