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Bürgermeister Dag Wehner gratulierte Irmgard Gebauer zum 100. Geburtstag. Foto: privat

Viele Erinnerungen an die schlesische Heimat

am 03.12.2019

Irmgard Gebauer feierte ihren 100. Geburtstag / Jubilarin führt ihren Haushalt noch weitestgehend selbständig

FULDA (jo). Ihre hundert Lebensjahre sieht man ihr wahrlich nicht an: In beneidenswerter körperlicher und geistiger Frische konnte Irmgard Gebauer in der Fuldaer Johannisstraße vor Kurzem ihren 100. Geburtstag feiern. Für die Stadt Fulda gratulierte ihr Bürgermeister Dag Wehner an ihrem Ehrentag und überbrachte die besten Wünsche.

Im Gepäck hatte der Bürgermeister neben Geschenken auch eine Gratulationsurkunde des Hessischen Ministerpräsidenten. Im Gespräch mit der rüstigen Seniorin zeigte sich Wehner ungemein beeindruckt von der Lebensleistung Gebauers und dem Schicksal, das sie in den schweren Zeiten von Krieg und Vertreibung meisterte.
Geboren wurde Irmgard Gebauer unter ihrem Mädchennamen Engel am 24. November 1919 im niederschlesischen Freystadt als drittes von sechs Kindern. Als sie sieben Jahre alt war, zog die Familie von Zäcklau nach Liebenzig (beides Kreis Freystadt) um, da der Vater dort eine kleine Landwirtschaft gekauft hatte, um seine Familie besser durch die schlechten Zeiten bringen zu können.
Nach der Schulzeit fand sie mit 14 Jahren eine erste Anstellung im Haushalt eines Forstmeisters. Nach dessen Umzug arbeitete sie im Haushalt einer evangelischen Pfarrersfamilie. Als der Pastor eine neue Stelle in Bad Finsberg im lsergebirge/Oberschlesien antrat, kam sie mit. Dort lernte sie ihren späteren Ehemann kennen, der ein Autofuhrgeschäft mit Personenwagen und Lastkraftwagen, Pferdegespanne und Pferdeschlitten besaß. Im Juni 1938 heiratete das Paar, und im Mai 1939 wurde ihr erster Sohn (von vier Kindern) geboren.
Doch der aufziehende Krieg überschattete das junge Glück: Im August 1939 wurden alle Fahrzeuge und Gespanne des Fuhrbetriebs beschlagnahmt und ihr Ehemann zu den Soldaten einberufen. Dann begann der Krieg. lrmgard Gebauer ging mit dem Baby zurück nach Liebenzig zu ihrer Familie. Im Juni 1941 verstarb ihre älteste Schwester mit nur 26 Jahren an Hirnhautentzündung, worauf sie deren kleinen Sohn mit drei Jahren zu sich nahm. Im September 1942 verstarb ihr eigener Sohn im Alter von drei Jahren und ihre jüngste Schwester mit fünf Jahren an einer Rur-Epidemie. Im Januar 1943 fiel ihr Bruder 26-jährig in Russland.
Nach Kriegsende 1945 musste die Familie ihre Heimat verlassen und zog zu Fuß mit dem Treck gen Westen über den Spreewald nach Weßnitz bei Großenhain nahe Dresden. Nach ein paar Monaten bekamen sie von einem russischen Kommandanten die Anweisung, in ihre schlesische Heimat zurückzukehren, um nicht ihr Anrecht auf ihre Besitztümer zu verlieren. So traten einige von ihnen den Rückweg an. Sie versuchten, so gut es ging, wieder Fuß zu fassen. Doch nur ein halbes Jahr später mussten sie dann für immer ihre Heimat verlassen und zogen zu Fuß abermals nach Weßnitz.
Gebauers Ehemann war am Ende des Krieges in Ostpreußen verwundet worden und später in englische Kriegsgefangenschaft in Westfalen gekommen. Über das Rote Kreuz erfuhr Irmgard Gebauer vom Aufenthaltsort ihres Mannes in Minden und folgte ihm „schwarz“ über die Grenze in die britisch besetzte Zone. Dort arbeitete ihr Ehemann mittlerweile für die englische Polizei als Fahrer und hatte einen Vertrauensposten. Das Paar bekam ein Zimmer außerhalb der Kaserne, und im August 1947 wurde ihre Tochter geboren. Doch erst nach der endgültigen Entlassung aus der englischen Kriegsgefangenschaft im Dezember 1949 konnte die Familie zu einem Onkel des Ehemanns, dem Besitzer der Kugelfabrik Gebauer, nach Fulda ziehen, wo sie ihr Domizil in der Johannisstraße fanden. 1953 und 1957 wurden zwei Söhne geboren. Der jüngste Sohn kam 1976 bei einem Autounfall ums Leben. Gebauers Ehemann verstarb im März 1989 im Alter von 78 Jahren.
Bis heute führt lrmgard Gebauer ihren Haushalt weitestgehend noch selbstständig, sie kocht noch selber und richtet ihre Wäsche. Sie ist an allem interessiert und erzählt gerne aus der Heimat. Ihr größtes Hobby ist das Lesen und sie besucht noch immer gerne ihren evangelischen Frauenkreis.
Zu ihrem 100. Geburtstag gratulierten neben Bürgermeister Wehner auch eine Tochter, ein Sohn sowie Schwiegerkinder, vier Enkel und fünf Urenkel.