Menü Button
mk Logo
Marktkorb Logo
Eine Illustration entsteht: Live-Zeichnerin Neele Jacobi scheut sich auch nicht vor ernsten Themen. Fotos: privat

Prägnante Bilder in Sekunden

Artikel von Von Christoph Stibor am 08.10.2019

Die Illustratorin Neele Jacobi arbeitet als Live-Zeichnerin für das Theaterprojekt „Wer sind wir denn?“

FULDA Ein Studium der Politik- und Kulturwissenschaften – und was macht man dann damit? Illustrieren natürlich! Neele Jacobi (Jahrgang 1990) lebt und arbeitet in Lüneburg und bringt als freiberufliche Illustratorin komplexe Themen (und manchmal auch nur die Banalitäten des Alltags) in prägnanten, humorvollen Bildern zu Papier (beziehungsweise aufs iPad) – ob live als Graphic Recorderin oder am heimischen Schreibtisch, ob Kultursymposium oder Magazinartikel.

Dabei hat Neele unter anderem bereits für „Die Zeit“, das Goethe-Institut, das Theater Bremen und die Leuphana-Universität Stift und Pinsel gezückt. Aktuell wirkt sie beim Theaterprojekt „Wer sind wir denn?“ in Fulda mit. Mit ihr sprach Christoph Stibor, Leiter Theater- und Musikmanagement der Stadt Fulda.

Am iPad vor Dich hinkritzelnd, vertieft, scheinbar unbeteiligt – so habe ich Dich kennengelernt, als wir für das Theaterprojekt „Wer sind wir denn?“ ein paar Sachen mit kleinem Testpublikum ausprobiert haben. Was genau hast Du da eigentlich gemacht?
In diesem Fall ging es darum, zunächst einmal genau hinzuhören und das Gehörte zu filtern. Welche Schlagworte fallen? Welche Aspekte tauchen immer wieder auf? Dann habe ich versucht, Bilder für die Worte zu finden. Die Jugendlichen – das Testpublikum – sollten in verschiedenster Weise Assoziationen nennen: Wie wäre Fulda als Mensch? Welche Orte zeichnet die Stadt für sie aus? Da wurde häufig von grauen Gebäuden, Tristesse gesprochen, aber auch von Ohrensesseln oder Hochnäsigkeit. Diese Eindrücke habe ich versucht, in prägnanten Bildern festzuhalten und in eine Struktur zu bringen. Und so ergab sich am Ende eine Art visuelles Resumée: alter Sessel, Hochhäuser, ein Mann, dessen Nase gen Himmel ragt.

Ist das ein typischer Arbeitstag für Dich gewesen?
Einen typischen Arbeitstag gibt es bei mir glaube ich gar nicht wirklich. Mal sitze ich zu Hause an meinem Schreibtisch und fertige Illustrationen für einen Zeitungsartikel an, mal befinde ich mich hinter den Kulissen einer Konferenz, die ich live in Bildern festhalte (das so genannte Graphic Recording). Diese Vielseitigkeit reizt mich am Illustratorinnen-Dasein eigentlich am meisten.

Wie bist Du denn zu dem Fuldaer Theaterprojekt gekommen und warum hast Du zugesagt?
Maria-Isabel Hagen, die „Wer sind wir denn?“ mitleitet, und ich haben schon in vielen Theaterprojekten gerne zusammengearbeitet – sie war es, die mich eines Tages anrief und fragte, ob ich Lust hätte, dabei zu sein. Ich habe sehr schnell Ja gesagt, weil das Projekt mich gereizt hat. Als Live-Zeichnerin bin ich Teil des Geschehens und kann den Abend gestalterisch begleiten und daran mitwirken, dass die teilnehmenden Menschen ihn noch lange in Erinnerung behalten. Das Tolle ist: Bilder verstärken die Wirkung von Worten ungemein. Die Interaktion von Performance und Illustration, die in „Wer sind wir denn?“ stattfindet, ist für mich sehr spannend.

Kann eine Zeichnerin im Jahr 2019 eigentlich noch mit Stift und Papier umgehen? Hättest Du überhaupt ein Atelier und die Zeit dafür?
Ich würde sagen: definitiv! Auch wenn es für viele Jobs notwendig beziehungsweise schlichtweg praktisch ist, digital zu arbeiten, gibt es viele Künstlerinnen und Künstler, die nach wie vor viel analog zeichnen. Einige Techniken, wie beispielsweise Aquarell, verlieren auch einen gewissen Teil ihres Zaubers, wenn sie durch den Aquarell-Effekt in Zeichenprogrammen ersetzt werden. Ich merke, dass es mir wichtig ist, gerade im Alltag viel auf Stift und Papier zurückzugreifen, auch weil man lernt, den Perfektionsdrang ziehen zu lassen – der Strich ist getan, und vielleicht ist er gerade so genau richtig.

Eine Frage wie aus der Kriminalistik: Für wen arbeitest Du?
Auch das variiert. Von Kultureinrichtungen wie dem Goethe-Institut oder Theatern, über den „Zeit“-Verlag bis hin zu kleineren Grafikagenturen oder Universitäten ist da alles dabei. Auch so etwas Kleineres wie Hochzeitseinladungen für Freunde sind Jobs, die ich mit Freude mache.

Was unterscheidet das Live-Zeichnen beziehungsweise das Graphic Recording von anderen „schnellen“ Ausdrucksformen wie Comic oder Karikatur?
Das Graphic Recording ist eigentlich eine Methode, die enorm auf Schnelligkeit beruht. Aber auch auf Präzision. Das unterscheidet sie von Comics oder der Karikatur. Graphic Recording hat zum Ziel, das gesprochene Wort visuell festzuhalten. Dazu muss man genau zuhören, Inhalte nach Relevanz filtern und anschließend prägnante Bilder finden. Oft hat man dafür nur wenige Minuten oder sogar Sekunden Zeit. Trotzdem versuche ich immer, das zeichnerische Detail nicht hintenüber fallen zu lassen. Wenn die Leute meine Zeichnungen anschauen, sollen sie auch mal schmunzeln – Ästhetik und Inhalt sollen Hand in Hand gehen.


Sehnst Du Dich manchmal danach, Dich in ein großes, aufwendiges Werk vertiefen zu können?

Unbedingt! So etwas wie ein Buch zu illustrieren, oder eine umfassende Zeichnung anzufertigen ist eine sehr reizvolle Aufgabe. Ich mag es, in die Welt, die ich erschaffe, abzutauchen und mich ganz und gar dem Zeichnen zu widmen. Für „Die Zeit“ habe ich beispielsweise eine ganze Infografikseite gestaltet – das war großartig!


Ist das Illustrieren eine eher dienende oder eine eher schöpferische Aufgabe?

Es kommt sehr darauf an, in welchem Kontext man arbeitet. Viele Projekte sind relativ frei und lassen Spielraum für eigene Ideen und Bildwelten. Manchmal ist der Rahmen jedoch auch im Vorhinein festgesteckt, sodass man eher umsetzt, als zu schöpfen. Aber dieser Wechsel macht das Illustrieren nur noch interessanter.

Und natürlich darf die Frage nicht fehlen: Wie ist Dein Bild von Fulda?
Anders als das Brachland-Ensemble habe ich die Stadt bis dato nur ausschnitthaft kennengelernt. Ich denke, Fulda wäre für mich ein kleines Wohnzimmer mit einem Mix aus alten, urigen Möbeln und solchen aus der neueren Zeit. Mein Eindruck ist, dass sich viele Leute kennen, man ist eher auf engem Raum, an einigen Stellen ist die Zeit vielleicht stehen geblieben, zeigt sich die Historie der Stadt, an anderen spürt man den Zeitgeist des 21. Jahrhunderts. Vielleicht würde ich es ungefähr so darstellen. Frage mich gerne noch einmal nach dem Projekt, möglicherweise ist es dann ein ganz anderes Bild.