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Der Friedhof am „Franzosenwäldchen“ zählt übrigens zu den ältesten der mehr als 20 Anlagen in der Kernstadt und den Stadtteilen. Ab 1531 sind die ersten Bestattungen nachweisbar. In der spätgotischen Kapelle sind heute noch etwa 100 wertvolle Grabsteine aus mehr als 300-jähriger Geschichte zu finden. Foto: Michael Schwab

Überraschende Funde im Idyll

am 20.05.2015

Ende August soll die Neugestaltung des „alten städtischen Friedhofs“ abgeschlossen sein / Erfreuliches Engagement

FULDA (mb). Radlader rollen über das Gelände. Kleinbagger „buddeln“. Überall auf dem großen, lichtdurchfluteten Areal entstehen neue Pflanzgruben für Büsche und Bäume. „Die anstehenden Arbeiten zur Neugestaltung des alten Friedhofs in der Goethestraße gehen zügig voran. Wir liegen gut im Zeitplan“, lautet die erfreuliche Zwischenbilanz von Fuldas OB und Kulturdezernent Gerhard Möller nach einer ersten Begehung der Baustelle.

Räumdienst in Aktion

Die Pflanzarbeiten sind zum größten Teil bereits ausgeführt. Aktuell soll der Wegebau beginnen.  Baubegleitend ist der Kampfmittelräumdienst im Einsatz. Denn „überall dort, wo Eingriffe in das Erdreich geplant sind, muss sicherheitshalber vorher der Boden von Experten einer Fachfirma sondiert werden“, erläutert Möller die Vorgehensweise. „Schließlich wollen wir ja keine bösen Überraschungen erleben.“ Apropos Überraschungen: Für die ist der sogenannte „alte städtische Friedhof“ allemal gut. Beim Ausbaggern einer Pflanzgrube sind die Landschaftsgärtner an der Westseite der Friedhofsmauer interessanterweise auf ein massives Hindernis gestoßen. Zuerst tauchte ein Grabstein auf, dann ein vier mal fünf Meter großes mit Kriegsschutt und Nachkriegsmüll verfülltes, gleichmäßig gemauertes Geviert. Wozu das aus Grabsteinen und -sockeln gebaute „flache Becken“ einmal gedient hat, ist unklar. Fest steht indes: Die Anlage ist nach Einschätzung des Fuldaer Stadt- und Kreisarchäologen Dr. Frank Verse nicht älter als 90 Jahre. Inzwischen ist von diesem Zufallsfund nichts mehr zu sehen.

Luftiger,freundlicher

Doch dank des leider notwendigen Fällens kranker oder schwer geschädigter Bäume präsentiert sich der zum Park gewordene Friedhof inzwischen viel heller, luftiger und freundlicher. Neue Sichtperspektiven eröffnen sich: nicht zuletzt auf die vielen, gut erhaltenen historischen Grabsteine, die besser zur Geltung  kommen. Erfreulicher Begleiteffekt: Die Sanierungsarbeiten haben bei den Fuldaern nicht nur großes Interesse geweckt, sondern auch Bürgerengagement ausgelöst. So lässt eine bekannte Fuldaer Unternehmerfamilie den Grabstein ihrer Vorfahren von einem Steinmetz sanieren. Möller: „Ein schönes Beispiel, was ein solches Projekt alles bewirken kann. Dafür bin ich sehr dankbar.“

Wegebau

Was die Wege betrifft, merkt Möller an, dass das historische Netz im ältesten Friedhofbereich wieder sichtbar gemacht werden soll durch eine teilweise Neuanordnung und Ergänzung der Wegebeziehungen. Grundlage hierfür sind Aussagen aus Archivbeständen. Um die Zugangsmöglichkeiten für Besucher der Anlage zu erweitern, beabsichtigen die Planer, einen historischen Eingang an der Goethestraße wieder zu öffnen und an das Wegenetz anzuschließen. Die neuen Wege sollen eine wassergebundene Decke mit Sandsteineinfassung erhalten. Beigefarbener Asphalt wird auf den Hauptwegeverbindungen aufgetragen, wie Fuldas Verwaltungschef erläutert, „so ist die ganzjährige Nutzung durch Fußgänger und Pflegefahrzeuge sichergestellt.“ Haupt- und Nebenwege werden in unterschiedlichen Breiten und Materialien ausgeführt.

Einer der ältesten Friedhöfe

Der Friedhof am „Franzosenwäldchen“ zählt übrigens zu den ältesten der mehr als 20 Anlagen in der Kernstadt und den Stadtteilen. Ab 1531 sind die ersten Bestattungen nachweisbar. Bis 1877 – abgesehen von einigen noch etwas jüngeren Gräbern – haben mehr oder weniger bekannte  Fuldaer hier ihre letzte Ruhe gefunden. Historische Kreuze, Bildstöcke und einige bemerkenswerte Grabmäler machen den Reiz beziehungsweise den besonderen kulturhistorischen Wert des „alten städtischen Friedhofs“ aus. Wer ihn am Eingang mit den zwei Ananaspfeilern am Beginn der Goethestraße betritt, blickt sofort auf die spätgotische Kapelle, in der heute noch etwa 100 wertvolle Grabsteine aus mehr als 300-jähriger Geschichte  zu finden sind. Ein Gang über das Areal mit seinen hohen alten Bäumen kommt einem Streifzug durch die alte fuldische Familien- und Sozialgeschichte gleich dank der noch zahlreich erhaltenen imposanten Grabstätten der politischen und geistigen Oberschicht sowie von Industriellen wie den Familien Müller, Rübsam, Weber oder Bellinger. Beim Rundgang über den Friedhof, auf dem mit Franz Rang auch ein ehemaliger Oberbürgermeister sowie ein ehemaliger Bürgermeister beerdigt sind, fällt eine Grabstätte besonders auf: Zusammen mit seiner Frau liegt unmittelbar am Eingang  der Sohn des letzten amtierenden Kurfürsten von Hessen, der aufgrund seiner drei Hunde im Volksmund „Hundeprinz“ genannt wurde, begraben.

Aufenthaltsqualität

Nach der behutsamen  Überarbeitung wird der  „alte städtische Friedhof“ als „bürgerfreundliche Grünfläche  noch mehr Aufenthaltsqualität erhalten“, versprechen Oberbürgermeister Gerhard Möller und Stadtbaurat Daniel Schreiner. Beispielsweise dadurch, dass Räume mit „unterschiedlichen Verweilmöglichkeiten“ auf dem weitläufigen Gelände entstehen.

Würde der Grabstellen gewahrt

Gleichzeitig legen alle Beteiligten Wert darauf, den  Charakter des ehemaligen Friedhofes als Ort der Stadtgeschichte und Erinnerung zu erhalten und zu stärken. Der wertvolle alte Baumbestand bleibt deshalb weitestgehend erhalten; die „Würde der Grabstellen“ gewahrt, wie Möller und Schreiner betonen. Gefördert wird die Friedhofssanierung durch das Programm „Stadtumbau in Hessen“. Der aktuellen Entwurfsplanung als Grundlage der vorgesehenen Veränderungen ging 2013 eine Machbarkeitsstudie voraus, deren Ergebnis Grundlage für die weitere planerische Bearbeitung geworden ist.