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Wer an eine uralte Konstruktion denkt, liegt falsch. Die Anlage ist nicht älter als 90 Jahre. Foto: M. Lemesle

Coca-Cola-Flasche als Datierungsmittel

am 06.05.2015

Mysteriöse Anlage mit Grabsteinen und Grabsockeln auf dem alten städtischen Friedhof entdeckt

FULDA (mle). Historische Ausgrabungen haben nicht immer mit der weitentfernten Geschichte zu tun. Das zeigt die neueste Entdeckung im Stadtgebiet Fuldas. Eine beckenartige Konstruktion im alten städtischen Friedhof stellt das Team um Stadt- und Kreisarchäologen Dr. Frank Verse vor ein Rätsel.


Vier mal fünf Meter ist die Anlage groß, die entlang der Mauer des alten städtischen Friedhofes auf der Westseite freigelegt wurde. Im ersten Anblick sieht sie wie ein flaches, gepflastertes Becken aus, das von vier etwa 50 Zentimeter hohen Mauern eingeschlossen wird. Gebaut wurde es aus nahvorhandenem Material: alten Grabsteinen und Grabsockeln. Doch wer an eine uralte Konstruktion denkt, liegt falsch. Denn die Anlage ist nicht älter als 90 Jahre.


„Manche Grabsteine sind noch sehr gut lesbar. So auch der Grabstein von Rudolf Schwarz. Das Kind ist am 9. Januar 1895 gestorben.  Damals galt schon die Totenruhe“, erklärt Dr. Verse und kommt zu dem Schluss „dass das Bauwerk daher frühestens in den 1920er Jahre erbaut wurde.“


Die Konstruktion wurde durch Zufall entdeckt. „An dieser Stelle sollte ein Baum gepflanzt werden, und deshalb musste eine Grube ausgehoben werden. Dabei kam ein Grabstein ans Tageslicht. Das Grünflächen-, Umwelt- und Friedhofsamt hat uns sofort informiert“, erklärt Dr. Verse. Doch es sollte nicht bei einem Grabstein bleiben. „Wir haben angefangen zu suchen und immer mehr entdeckt. Zuerst haben wir an eine Bombengrube gedacht und wurden dann von der Struktur überrascht“, so Dr. Verse. Am Ende wurde mit Hilfe eines Kleinbaggers der ausführenden Firma Mann die gesamte Konstruktion freigelegt, wobei der  Kampfmittelräumdienst die Ausgrabungen begleitete.


Das Interesse des Archäologenteams, das auch von drei Teilnehmern des Girls’ and Boys’ Day unterstützt wurde,  diente nicht nur der Anlage. Denn auch das Füllmaterial der Grube bringt einige Erkenntnisse. „Es handelt sich um Bombenschutt. Wir haben Reste von einer englischen Fliegerbombe und viele andere Gegenstände gefunden“, sagt der Stadt- und Kreisarchäologe. Metall- und Glasreste sowie Tongefäße ragen zahlreich aus der aufgeschütteten Erde. Einige Blecheimer wurden bereits herausgenommen. Denn das Augenmerk des Teams richtete sich auf besondere Gegenstände. „Wir haben eine Tasse der Fuldaer Gummiwerke gefunden, die eine Prägung des Hakenkreuzes auf dem Boden hat. Außerdem eine zwar leere, aber vollständige Coca-Cola-Flasche von 1945“, erklärt Dr. Verse. Daraus ergibt sich, dass die Anlage zu Beginn der Besatzungszeit zugeschüttet wurde. „Coca-Cola-Flaschen kamen nämlich  erst wieder nach dem Ende des Krieges mit den Amerikanern nach Deutschland.“
Auch besondere „Schätze“ wurden gefunden, wie beispielsweise ein sehr gut erhaltener Lippenstift in einer gold-roten Hülle. „Wir haben unseren Augen nicht getraut.“ Auch eine grüne Glasflasche mit der Aufschrift „Eigentum der Firma“ hat Dr. Verse zur Seite gelegt.  „Wir müssen die Firma ausfindig machen, sonst unterschlagen wir Eigentum“, scherzt er.


Doch während die Zeitpunkte von Errichtung und Aufgabe des Bauwerks gut eingegrenzt werden können, bleibt dessen Nutzung für Dr. Verse rätselhaft. „Diese Anlage ist nirgendwo verzeichnet, auch nicht auf alten Plänen des Friedhofes“, sagt der Stadt- und Kreisarchäologe. „Recherchen in den Akten des Stadtarchivs sind nötig, um vielleicht erfahren zu können, wofür die Konstruktion gebaut wurde“, so Dr. Verse. „Wir wissen nur, dass zu diesem Zeitpunkt auf dem Friedhof eigentlich nicht mehr bestattet wurde, da dafür bereits der neue Friedhof genutzt wurde.“ Er hofft auch auf Hinweise der Fuldaer: „Vielleicht gibt es noch Zeitzeugen, die mehr über den Zweck der Anlage wissen.“


Die Anlage hat aber nur kurz wieder das Licht erblickt. „Wir haben das Bauwerk dokumentiert und einige Gegenstände gesichert. Außerdem hat das städtische Grundstücks- und Vermessungsamt die Anlage genau vermessen, so dass zukünftige Generationen genau wissen, was unter die Erde liegt“, erklärt Dr. Verse. Denn nach wenigen Tagen Arbeit wurden die Erdmassen wieder in die Grube eingefüllt.