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„Wir sind ein altes Ehepaar geworden“

am 15.04.2015

Die inzwischen 100-jährige Olmützerin Maria Schicht erinnert sich an die alte sudetendeutsche Heimat

FULDA (mb). Ihre großen, blauen Augen blitzen hell und klar. Maria Schicht lauscht aufmerksam ihrem Gast. Die gebürtige Olmützerin, die inzwischen im Wohnstift Mediana zu Hause ist, hat ihren 100. Geburtstag längst hinter sich, zu dem ihr unlängst Fuldas Oberbürgermeister Gerhard Möller gratulieren konnte.

Gemütlich wirkt ihr Zimmer. Die Strahlen der schon kräftigen Frühlingssonne tauchen den Raum in wärmendes Licht, in dem Maria Schicht ihrem Gast aus dem Stadtschloss ein kleines Stück ihrer bewegten Lebensgeschichte erzählt. Nachdenklich sagt sie: „Im Alter wird man einsam und allein. Ich habe niemanden mehr.“ Ganz stimmt dieser Satz zwar nicht, denn da ist ja noch ihr Nenn-„Enkel“, der sich rührend um sie kümmert und noch bis vor kurzem regelmäßig mit ihr einmal die Woche einkaufen gegangen ist. Oder die Nachbarin, die sich um sie sorgt. Doch Maria Schichts Geschwister, die sind längst alle tot.

Schicksalsschläge

 Im Jahr der Jahrtausendwende ist auch ihr Ehemann Wenzel verstorben, mit dem sie über 60 Jahre lang verheiratet gewesen war. Ebenso ihr einziger Sohn ist früh von ihr gegangen. Ungeachtet dieser Schicksalsschläge hat Maria Schicht bis jetzt mutig ihren Alltag weitgehend alleine gemeistert. Selbst zu kochen, dazu hat sie längst keine Lust mehr. Deshalb ist sie von ihrem Haus auf der Künzeller Höhe regelmäßig zu einer nahegelegenen Metzgerei gegangen, um sich ein schmackhaftes Mittagsgericht zu holen.

Neue Heimat Fulda

Wie sie von Olmütz nach Fulda gekommen ist? Und wie sie ihren Partner kennen gelernt hat, wird Maria Schicht gefragt. Kurze Denkpause, dann sprudelt es aus ihr hervor. Von Olmütz, ihrem Geburtsort, sind die Eltern früh nach Schreckenstein gezogen. Einem kleinen Ort im Sudentenland unterhalb der gleichnamigen Burg an der Elbe. Nicht allzu weit von Leitmeritz entfernt. „Von dort hat man einen wunderbaren Blick auf den Fluss“, erinnert sie sich. Im nahen Aussig ist die junge Maria auf die weiterführende Schule gegangen. Die Zeit des Schulwegs teilt sie sich mit „ihrem Wenzel“. Eine Jugendliebe reift – „und wir sind ein altes Ehepaar geworden“, sinniert Maria Schicht, die ihren 1911 geborenen Lebenspartner sehr vermisst. Die Folgen des verlorenen Krieges treffen auch das junge Paar. Die Schichts müssen ihre sudentendeutsche Heimat verlassen. Glück im Unglück: Ein Bekannter berichtet, bei den Gummiwerken würden Ingenieure gesucht. Wenzel Schicht, der in Prag studiert hatte, findet mit Maria nicht nur rasch wieder einen Beruf, sondern in der Domstadt auch eine neue Heimat. Und mit ihnen auch Hunderte von Leitermitzern, jener schmucken Barockstadt an der Elbe, die nicht weit entfernt von Schreckenstein liegt und heute Fuldas tschechische Partnerstadt ist.