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Die 1910 eingeweihte Volksschule in Schlotzau. Repro: Karl-Heinz Burkhardt

Einst Dreh- und Angelpunkt des Dorflebens

am 20.03.2020

Mit dem Trend zu Mittelpunktschulen verschwanden in den 1960er Jahren nach und nach die kleinen Dorfschulen

KIEBITZGRUND (khb/was). Sie waren überschaubar– die kleinen, einst in fast jedem Ort vorhandenen Volksschulen mit zumeist einer Klasse. Außer Rechnen, Schreiben, musischen Fächern und Erdkunde bekamen die Kinder vor allem etwas über ihre heimatliche Kultur, Flora und Fauna vermittelt.

Mit der Schulreform in Hessen ab Mitte der 1960er Jahre kam das Aus für die meisten Volksschulen auch im Landkreis Fulda. Die „behüteten Orte“ inmitten der Dorfgemeinschaft, oft Dreh- und Angelpunkt bei Versammlungen, Festen oder VHS-Vorträgen, wurden geschlossen. Seitdem fahren die Kinder in Bussen zu den in größeren Orten ansässigen Mittelpunktschulen. Auch aus den vier Kiebitzgrunddörfern Schlotzau, Großenmoor, Hechelmannskirchen und Langenschwarz müssen die Kinder jetzt längere Schulwege auf sich nehmen.
Über die Entwicklung der Dorfschulen geben vor 1800 beginnende Chroniken Auskunft. Auch darüber, dass Lehrer seinerzeit Vieh hielten, Gärten bewirtschafteten und handwerklich geschickt waren. Viele waren ehrenamtlich als Chorleiter von Gesangvereinen oder Kantoren einer Kirche geschätzt. Die Erträge hieraus  trugen zu ihrem Salär bei. Über den Schullehrer Christian Veyh, einem Bauern in Großenmoor, findet sich eine Notiz von 1789: „Dieser Mann ist merkwürdig …. Da er vielerlei Hanthierung als Meister betreibt, außerdem daß er Schullehrer und Gerichtsschöffe ist, ist er auch Brunnenmeister, Braumeister, Metzger, Schreiner, Schneider, Becker, Weber, Fassbauer, sonst guter Ackerbauer und ein geschickter Wundarzt für Mensch und Tier in äußerlichen Schäden.“
Erstmals beschrieben wurde die Schlotzauer Schule in einem Auszug der Kirchen- und Pfarrgeschichte zu Langenschwarz von 1781. In dem kleinen Backsteinbau in der Dorfmitte befand sich „nur eine Stube angedielt nebst Eingang und hinterdem eine Küche. Im 2. Stockwerk ist eine Kammer, und da es an einer Anhöhe liegt, so ist unter dem Eingang der Viehstall.“ Als sich Anfang des 20. Jahrhunderts der Zustand der Schule (diese besuchten bei Wind und Wetter auch die Kinder der rund drei Kilometer entfernten Herbertshöfe) als ungesund und kaum mehr bewohnbar darstellte, zog der Lehrer in eine Wohnung im Dorf. 1909 erfolgte die Bauerlaubnis für eine neue Schule, die das örtliche Maurergeschäft Johannes Schlitt und Zimmermeister Pflanz (Langenschwarz) errichteten.
Im Oktober 1910 fand die Einweihung statt. Das geflaggte Dorf war mit Fichten geschmückt. Man verabschiedete sich vom alten Schulhaus mit einem Lied eines gemischten Chors. Lehrer Euler hielt die Abschiedsrede, danach zog die Gesellschaft zur neuen Schule, die Pfarrer Behrens weihte. Landrat Trotha übergab die Schlüssel, sodann konnte das Gebäude besichtigt werden. Anschließend fand die Feier im gerade neu erbauten Saal Burkhardt ihren Fortgang. Die neue Volksschule mit für Mädchen und Jungen getrennten Abortanlagen, Scheune und Stallungen hatte eine Lehrerdienstwohnung und einen Klassenraum mit sechs Tischen und 36 Stühlen. Ein Wohnzimmer im Obergeschoss diente als Behelfsschulsaal, so dass ab April 1951 vormittags in zwei Klassenräumen unterrichtet werden konnte.
Letzter Dorfschullehrer in Schlotzau war Georg Raack. Von 1960 bis 1968 reduzierte sich die Zahl der Schüler von 46 auf 27. 1969 wurde sie geschlossen. Heute befindet sich das Gebäude, wie alle Schulen im Kiebitzgrund, in Privatbesitz. Die alte Schule nutzte die aus Schlesien geflüchtete Familie Jeitner als Wohnung und zum Betreiben eines kleinen Lebensmittelgeschäfts. Im Zuge des Ausbaus der Landesstraße fiel das Gebäude 1966 der Spitzhacke zum Opfer.
In Großenmoor war der erste Schulsaal im Haus Fey eingerichtet. 1818 erstellte die Gemeinde neben der neu hergestellten Kapelle ein Schulhaus. Der Lehrer erhielt 23 Gulden aus der Gemeindekasse sowie pro Kind jährlich 20 Kreutzer Schullohn und eine Metze Korn (20,5 Liter), außerdem von jedem der 26 Bauern eine Hafer- und Korngarbe sowie drei Metzen Korn, zu Fastnacht zudem eine Wurst und zu Gründonnerstag eine Handvoll Eier. In den 1850er Jahren kamen die Kinder aus Hechelmannskirchen und vom abseits gelegenen Hof Köhlersmoor zum Schulverband, dem Kleinmoor bereits angegliedert worden war.
Wegen der gestiegenen Schülerzahlen entstand 1856/1857 ein neues, steinernes Schulgebäude. In 1906 fasste die Gemeinde den Beschluss, eine neue Dorfschule zu bauen, die im November 1910 feierlich eingeweiht wurde. Im September 1949 wurde in deren Wirtschaftsgebäude eine Notklasse eingerichtet. Die zwei Klassen blieben bis Ostern 1954 bestehen. Am 1. August 1969 wurde die Großenmoorer Volksschule geschlossen und im Zuge der Gebietsreform zu einem Dorfgemeinschaftshaus umgebaut. In 1976 zog der Kindergarten ein. Inzwischen wurde das Gebäude an privat veräußert.
In Langenschwarz gab es vorübergehend sogar drei Konfessionsschulen. Die Volksschule fand 1867 erstmals Erwähnung. 1882 erhielt der Ort aus dem Gnadenfonds Kaiser Wilhelm I. 13 000 Mark für einen Schulneubau mit zwei Klassenräumen und einer Lehrerwohnung.
Bedingt durch die starken Kriegsjahrgänge 1940 bis 1943 reichten die Räumlichkeiten nicht mehr aus, so dass 1951 ein Erweiterungsbau entstand. 1969 sprachen sich Bürger gegen die Fortführung des Schulbetriebs aus. Noch im selben Jahr baute eine Rotenburger Bekleidungsfabrik die Klassenräume zu Nähereibetriebsräumen um. 20 bis 25 Frauen fanden hier bis zur Schließung in 1987 Arbeit. Danach zog eine örtliche Druckerei ein.