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Nicht nur die erwachsenen Kunden der Schneiderei, sondern auch viele Tanner Kinder (wie vorne rechts mit Mütze der klein Corvin) freuen sich, dass wieder Leben in die ehemalige Fahrschule eingezogen ist, seitdem Suleiman Hesso sein Geschäft eröffnet hat. Foto: Sandra Limpert

Knopflochmaschine statt Königreich

am 13.03.2020

Moderne Geschichte vom „Tapferen Schneiderlein“: Flüchtling eröffnet Laden in Tann

TANN (sli). Anders als bei seinem Berufskollegen im Märchen war es nicht Abenteuerlust, die Suleiman Hesso in die Ferne trieb. Der junge Schneider desertierte als Wehrpflichtiger aus der syrischen Armee, weil er nicht auf demonstrierende Menschen schießen wollte, und gelangte 2015 als Flüchtling nach Deutschland. Nun hat er in Tann ein Geschäft eröffnet: die Schneiderei „Nadelbaum“.

Dafür, dass es den Laden mitten in der Innenstadt erst seit kurzem gibt, herrscht rege Betriebsamkeit. Eine Tannerin bringt Hosen zum Flicken, eine andere hat einen Bettbezug, dessen Reißverschluss ausgetauscht werden muss, und eine dritte holt ihre ausgebesserte Kleidung wieder ab. Auf dem Sofa warten zwei Jungen aus der Nachbarschaft im Warmen, weil sie nach der Schule vor verschlossener Haustür standen. Auch Antonio, der Großpudel von Brigitte Pongs, muss nicht draußen bleiben.
Brigitte Pongs gehört zu den Ehrenamtlichen, die sich im Rhönstädtchen seit Ankunft der ersten Flüchtlinge um diese gekümmert haben. Die rüstige Seniorin hilft geflüchteten Frauen zweimal wöchentlich im AWO-Café beim Deutschlernen und hat Hesso auf dessen Weg in die Selbstständigkeit sehr unterstützt.
„Bei der Handwerkskammer in Kassel wurden wir sehr gut beraten“, berichtet die 81-Jährige. Einen Teil der Werkstatt- und Ladeneinrichtung konnte der Jungunternehmer gebraucht erwerben. Das Logo – ein Nadelkissen in Tannenform - kreierte Jasmin Hartwig. Die Designerin gehört zum Vorstand des Vereins „Tann Aktiv“, der sich auf die Fahnen geschrieben hat, das Leben und Zusammenleben in Tann attraktiver zu gestalten. So setzt er sich beispielsweise für die Belebung der Innenstadt ein.
Auch Bürgermeister Mario Dänner zeigt sich erfreut, dass die leerstehenden Räume einer ehemaligen Fahrschule nun wieder genutzt werden. „Die angebotene Dienstleistung bringt einen Mehrwert, und die Geschäftseröffnung ist ein tolles Beispiel für gelungene Integration“, stellt er fest.
Der Mut, sich selbstständig zu machen, sei im Grunde aus einer Enttäuschung erwachsen, führt Hesso auf Nachfrage aus. Er sei in den Nähereien im Ulstertal und in Fuldaer Textilfabriken, wo er in den vergangenen Jahren gearbeitet hat, als Hilfskraft entlohnt worden, obwohl er die gleichen Tätigkeiten wie die deutschen Fachkräfte verrichtet habe. „Nochmal eine Ausbildung absolvieren, nur damit mein Berufsabschluss anerkannt wird, wollte ich nicht“, erläutert der 29-Jährige – zumal er seine Lehre, wie in Syrien üblich, bereits im Alter von zwölf Jahren als unbezahlter Praktikant begonnen hatte, bevor er nach sechs Lehrjahren als bezahlter Schneider arbeiten durfte.
„Mein Beruf ist auch mein Hobby“, sagt er. Brigitte Pongs bekräftigt: „Suleiman ist sehr talentiert und kreativ; er kann Kleidungsstücke nicht nur geschickt ausbessern und ändern, sondern bietet auch Maßanfertigungen an.“
Die Odyssee des tapferen Schneiders im Märchen endet damit, dass er eine Prinzessin heiratet und später König wird. Suleiman Hesso würde ebenfalls gerne heiraten und wünscht sich Kinder. Beruflich hoffe er darauf, so viele Aufträge zu erhalten, dass er irgendwann zwei oder drei Mitarbeiter beschäftigen könne. Gerne würde er auch von ihm selbst gestaltete Mode anbieten. „Doch erst einmal steht der Kauf einer Ledernäh- und einer größeren Knopflochmaschine an.“