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Im Mittelfeld landete Bernd Jiptner (2. Reihe, 2. von links) mit dem von ihm betreuten Team aus Flieden und Umgebung beim Integrations-Fußballturnier im vergangenen Oktober in Bachrain. Das kleine Bild zeigt Sportkreisvorsitzender Harald Piaskowski. Fotos: privat

„Sportler verstehen sich auch ohne Worte“

am 17.01.2020

Sportkreis will Integrationsbemühungen für Flüchtlinge auch auf andere Gruppen ausweiten

KÜNZELL/FLIEDEN/FULDA (was). Bernd Jiptner ist einer von insgesamt neunzehn Sport-Coaches in zwölf Kommunen des Landkreises sowie in der Stadt Fulda. Diese haben die Aufgabe, durch den Sport die Teilhabe von Flüchtlingen und Menschen mit Migrationsintergrund am gesellschaftlichen Leben zu fördern und ihnen den Weg in die Vereine zu ebnen. Dabei wirken sie mit dem Sportkreis Fulda-Hünfeld sowie den Städten und Gemeindeverwaltungen zusammen.

Der 53-jährige Fitness- und Lauftrainer Bernd Jiptner kam 2016 erstmals enger mit Flüchtlingen in Berührung, als er bei der Leichtathletik-Gemeinschaft Fulda eine kleinere Gruppe von jungen Läufern trainierte, die aus ihren Heimatländern Äthiopien, Eritrea und Somalia geflohen waren. Nachdem die hessische Landesregierung das Programm „Sport und Flüchtlinge“ (siehe Infokasten) aufgelegt hatte, sprach ihn der heutige Sportkreisvorsitzende Harald Piaskowski an, ob er sich aufgrund seiner einschlägigen Erfahrungen eine Tätigkeit als Sport-Coach vorstellten könnte. Der Fuldaer zeigte sich grundsätzlich interessiert und begann im November gleichen Jahres in Flieden, im Sommer 2018 kam die Gemeinde Künzell hinzu. Sein Amt als Sport-Coach in Flieden hat er inzwischen einem Nachfolger übergeben und konzentriert sich seither ganz auf Künzell.
Bernd Jiptner schätzt, dass er in den vergangenen gut drei Jahren zwischen 50 und 60 Flüchtlinge nicht nur sportlich betreut hat. Er ist darüber hinaus auch zum Ansprechpartner bei so manchen Problemen geworden, mit denen seine Schützlinge im Alltag konfrontiert werden. Für einige wurde er fast zu einer Art von Familienmitglied. Fehlende Sprachkenntnisse stellen dabei kein Hemmnis dar. „Sportler verstehen sich auch ohne Worte.“ Viele Kontakte bestehen bis heute, selbst wenn der Trainingsbesuch schwächer geworden ist, nachdem sich die Anfangseuphorie gelegt hat. Denn: Je besser die Integration in die Arbeitswelt zu gelingen scheint, desto weniger Zeit und Energie bleibt für sportliche Betätigung. Offensichtlich ist der gesundheitliche Aspekt des Sports bei Personen aus anderen Kulturkreisen weniger stark ausgeprägt.
Harald Piaskowski berichtet, dass über die Hälfte der Städte und Gemeinden im Landkreis mittlerweile einen Sport-Coach hat und entsprechende Mittel aus dem Förderprogramm abruft – und das im Gegensatz zu anderen Regionen Hessens mit steigenden Tendenz. Der 60-jährige Petersberger und ehemalige Kanute ist ebenfalls Übungsleiter und selbst Sport-Coach sowie Integrationslotse. Zudem koordiniert er seit 2016 den Einsatz der Sport-Coaches im Landkreis und in der Stadt Fulda. Mit Hilfe des Förderprogramms gehe es darum, zum einen  Sport- und Bewegungsangebote für Flüchtlinge und Menschen mit Migrationshintergrund zu schaffen und zum anderen diese an die ehrenamtlichen Vereinsstrukturen heranzuführen.
In beiden Bereichen könnten die Vereine des Sportkreises Fulda-Hünfeld nach Aussage des vor zwei Jahren  gewählten Sportkreisvorsitzenden Erfolge vorweisen, wobei die kleinen Erfolge mitunter die schönsten seien. Als Beispiele nennt Harald Piaskowski die Gründung von eigenen Abteilungen in einzelnen Vereinen oder die Ausbildung und spätere Tätigkeit von Geflüchteten als Übungsleiter.
Auch angesichts einer weiter zurückgehenden Zahl von Flüchtlingen müssten die Integrationsbemühungen in den Sportvereinen fortgeführt und nach Möglichkeit auf andere gesellschaftliche Gruppen ausgeweitet werden. „Bislang konnten wir die Nachfrage kaum bedienen, jetzt sind wir viel eher in der Lage, uns gezielt auch um Einzelfälle zu kümmern.“

Info

2016 wurde vom Land Hessen das Programm „Sport und Flüchtlinge“ aufgelegt, das die Schaffung von Sport- und Bewegungsangeboten für Flüchtlinge und Menschen mit Migrationshintergrund unterstützen soll. Im Rahmen dieses Programms werden entsprechende Angebote von Sportvereinen sowie der Einsatz von sogenannten Sport-Coaches gefördert. Sport-Coaches stellen den Kontakt zu den Flüchtlingen her und begleiten sie gegebenenfalls zum ersten Training.
Zudem sollen Flüchtlinge und Menschen mit Migrationshintergrund über gezielte Qualifizierungs- und Beteiligungsmaßnahmen für ein ehrenamtliches Engagement oder eine sonstige freiwillige Tätigkeit im Verein gewonnen werden. Durch die Aufnahme einer solchen Tätigkeit können sie als Vorbild und Multiplikator wirken. Diesem Ziel dient auch der Einsatz von sogenannten Sport-Coach-Tandems, bestehend aus einem Sport-Coach mit und einem Sport-Coach ohne Zuwanderungsgeschichte.
Antragsberechtigt für das Förderprogramm sind hessische Städte und Gemeinden mit 40 und mehr Flüchtlingen, wobei eine interkommunale Zusammenarbeit durchaus möglich ist. Die Kommunen können eine pauschale Zuwendung von jährlich 5.000 bis 30.000 Euro für Aufwandsentschädigungen von Sport-Coaches und Personen zur Anleitung von integrativen Sportangeboten sowie für Sachmittel wie beispielsweise Sportkleidung und -materialen oder Fahrt- und Wettkampfkosten erhalten.
Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, zusätzliche Fördermittel für Aufwandsentschädigungen von Sport-Coaches mit einer persönlichen Zuwanderungsgeschichte sowie für Ausbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen zu beantragen, die mit dem Ziel der Aufnahme einer freiwilligen Tätigkeit im Sportverein absolviert werden. Die pauschalen Förderbeträge belaufen sich in diesem Fall auf jeweils 2.400 Euro pro Kommune. Antragsschluss, auch online, ist der 30. April.
Weitere Infos zum Förderprogramm „Sport und Flüchtlinge“ gibt es auf der Homepage des Sportkreises Fulda-Hünfeld www.sportkreis-fulda-huenfeld.de unter der Rubrik „Angebote & Projekte/Integration durch Sport – Sport für Flüchtlinge“. Auskünfte in seiner Funktion als Integrations-Koordinator des Sportkreises erteilt Harald Piaskowski unter E-Mail:Integrations-koordinator@sk-fh.de, Mobil (0175) 7372600.