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Der kleene Bäckermeester an der Ecke
Von: Leser-Autor Franz Riebel
Wie Bäckermeister Josef Pfeiffer der Üwag zu neuen Kunden verhalf und zwar ganz ohne Entgelt

Gläserzell. Viele werden sich noch an die Bäckerei Pfeiffer in der Leipziger Straße erinnern, mit den sprichwörtlich guten Pfeifferbrötchen, die es schon lange nicht mehr gibt. Mein Freund, der Bäckermeister Josef Pfeiffer, kam öfter zu mir an die Museumskasse im Stadtschloss. Er war etwas kleinwüchsig, aber eine Frohnatur und stets zu lustigen Streichen aufgelegt. In der Jackentasche hatte er immer eine Handvoll Bonbons, die auch obligatorisch jeder Brötchentüte beilagen. Er legte mir diese Bonbons auf den Schreibtisch, die ich insbesondere an Kinder verteilen sollte.

Er setzte sich zu mir und wir unterhielten uns über "Gott und die Welt".
Dabei erzählte er mir eine lustige Geschichte, die ich so nett fand, dass ich sie hiermit wiedergeben möchte. "Als am 9. November 1989 die Mauer in Berlin fiel, wurde auch bald der ,Eiserne Vorhang´ für den Grenzverkehr geöffnet. In Osthessen gab es vorerst nur einen Grenzübergang am Point Alpha zwischen Geisa und Rasdorf. Zu Tausenden strömten DDR-Bürger mit Trabis, Wartburgs und sonstigem Gefährt über Hünfeld nach Fulda. Die gesamte Leipziger Straße einschließlich aller Seitengassen waren zugeparkt.Ich habe in diesen Tagen in der Backstube Sonderschichten eingelegt, um wie ein Weltmeister tausende Brötchen zu backen, die dann meine Frau Otti zu je zehn Stück in Tüten verpackt, an die Besucher aus der DDR verschenkte. Das hat sich wohl sehr schnell herumgesprochen, denn die Gäste aus der DDR standen Schlange bis auf die Straße. Ich stand auf dem Bürgersteig und gab die Anweisung: Ihr könnt parken wo und solange Ihr wollt –auch in Zweierreihen, unabhängig von Park- und Halteverbotszonen.

Dann fahrt mit dem Stadtbus zum Stadtschloss, wo Ihr das Begrüßungsgeld bekommt. Für Euch ist in Fulda alles frei. Der Bus kam und es wartete ein Pulk von Menschen an der Haltestelle. Sie strömten ungeniert in den Bus, bis plötzlich der Busfahrer lautstark rief: He, wie ist es mit bezahlen? Da erhielt er die Antwort: Nee nee, meen Gutster, der kleene Bäckermeester an der Ecke hat jesaacht, wir dürfen in Fulda kostenlos parken und mit allen Bussen umsunst fahren! Der Busfahrer staunte nur. Davon ist mir nichts bekannt und ich hab auch noch keine diesbezügliche Order bekommen. Aber, wenn das der kleene Bäckermeester da vorne so angeordnet hat, dann wird das schon seine Richtigkeit haben. Alsdann: Herein mit Euch. In Sekundenschnelle war der Bus bis auf den letzten Stehplatz gefüllt. Am Busbahnhof gab der Busfahrer den Hinweis: Hier ist das Stadtschloss mit der Stadtverwaltung – dort könnt ihr das Begrüßungsgeld abholen.(Nebenbemerkung: Gegen Vorlage des Personalausweises oder einer sonstigen Urkunde erhielt jeder Besucher aus der DDR vom Säugling bis zum Greis je 100 Deutsche Mark, so dass manche Familien zum Teil 500 bis 600 D-Mark und mehr ausgehändigt bekamen.)Gleich am nächsten Morgen kam der Busfahrer zu mir in die Backstube und wollte mir Vorhaltungen machen.

Mensch Jupp, wie kannst du nur solche Anordnungen treffen und den Leuten Versprechungen machen. Derartige Anordnungen kann bestenfalls der Oberbürgermeister im Einvernehmen mit dem Magistrat treffen, aber noch lange nicht Du. Du hast mich gestern in die größten Schwierigkeiten gebracht. Ich fahre den ganzen Tag Fahrgäste kostenlos hin und her ohne eine Anweisung von oben. Wie soll ich das gegenüber meiner Dienststelle verantworten? Mach´ solche Possen nicht wieder! Ich lachte nur und sagte: Ach Willie, mach Dich verrückt. Ich backe täglich mehrere tausend Brötchen und verschenke diese, ohne dadurch erheblich ärmer geworden zu sein. Das ist eben mein Begrüßungsbeitrag für unsere neuen Mitbürger. Die Bundesregierung in Bonn zahlt Millionenbeträge an Begrüßungsgeldern,da kann die Üwag in Fulda ruhig auch ihren Beitrag leisten, ohne finanziellen Schaden oder Ruin zu erleiden. Darauf sagte der Busfahrer: Jo, Jupp, do hoste eigentlich au Recht. Er klopfte mir auf die Schulter – mach‘s gut und mach weiter so mit deinen Schelmenstreichen."

Die Eheleute Josef und Ottilie Pfeiffer verkauften einige Jahre später ihr Haus mit Bäckerei in der Leipziger Straße, um in einem Fuldaer Seniorenheim ihren wohlverdienten Ruhestand zu genießen. Leider war ihnen dieser Ruhestand nicht sehr lange vergönnt. Wenige Jahre später verstarben die Eheleute beide kurz hintereinander. Es waren zwei wirklich liebenswerte Menschen. Möge ihnen Gott ihre guten Taten vergelten.

 
Bild Herz Jesu Krankenhaus