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Manfred Görig sieht den Vogelsbergkreis trotz Herausforderungen gut aufgestellt. Foto: wk

Vulkan, Natur und innovative Unternehmen

am 05.11.2015

Landrat Manfred Görig über die Entwicklung des Landkreises, Erfolge und Herausforderungen

VOGELSBERG (wk). Der Vogelsbergkreis hat in den vergangenen Jahrzehnten gegenüber anderen Regionen aufgeholt. Im Interview lobt Landrat Manfred Görig (55, SPD) die Innovationskraft der Unternehmen. Als Herausforderungen nennt er den Erhalt des Alsfelder Kreiskrankenhauses, den Haushaltsausgleich und den demografischen Wandel.

Der Vogelsberg galt lange als „oberhessisch Sibirien“ und „Armenhaus Hessens“. Wie schätzen Sie die Entwicklung des Kreises in den vergangenen 30 Jahren ein?

Der Vogelsberg war über Jahrzehnte immer landwirtschaftlich-kleinbäuerlich geprägt. Er wurde nie als Wirtschaftsregion wahrgenommen, obwohl es hier ein paar große Unternehmen gibt. STI ist mit drei Standorten und mehr als 1000 Mitarbeitern einer der größten Arbeitgeber.
Der Kreis hat sich gut entwickelt. Unsere Handwerksbetriebe – es sind etwa 1500 – schauen über die Region hinaus und überzeugen bis ins Rhein-Main-Gebiet mit ihrer hohen Qualität. Sie sind die Stütze unserer Wirtschaft und mit ihren 5 bis etwa 30 oder 40 Beschäftigten sehr flexibel. Handels- und Industrieunternehmen mit 20 bis 50 oder manche bis 200 Mitarbeitern haben sich in ihrem Segment ebenfalls gut etabliert.

Können Sie Beispiele nennen?

Die Firma Hürner-Funken GmbH in Atzenhain stellt Schweißtechnik für Kunststoffrohre von bis zu zwei Metern Durchmesser her. Sie ist eine von wenigen Firmen weltweit, die dazu in der Lage ist. Das vermutet man gar nicht. Oder die Firma Anlagenbau Günther in Angersbach war früher eine kleine Schlosserei und exportiert jetzt Umwelttechnik und Sortiermaschinen bis nach Asien. Ich denke, das ist selbst vielen Vogelsbergern nicht bekannt.

Der Vogelsberg hat also eine gute Entwicklung genommen?

Die Arbeitslosenzahl ist von einst 8 bis 9 Prozent auf 3,7 Prozent runtergegangen. Daran kann man die Entwicklung ablesen. Aus Minijobs sind zahlreiche sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse entstanden. Auch bei der Produktivität liegen wir über dem Hessen-Schnitt. Wir haben aber eine abnehmende Bevölkerung und müssen sehen, wie wir Arbeitskräfte hierher bekommen.

Der guten Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt steht die demografische Entwicklung entgegen. Wie ist der Stand heute?

Den demografischen Wandel kann man so nicht mehr aufhalten. Wir werden älter und weniger werden. Dies muss die Politik erkennen und sich mit den Auswirkungen beschäftigen. Insbesondere geht es um die Frage, wie die technische und soziale Infrastruktur erhalten werden kann.
Was die Bevölkerungsabnahme angeht, muss man differenzieren. Sie nimmt ab, weil wir mehr Sterbefälle im Kreis als Geburten haben. 2014 gab es 700 Sterbefälle im Kreis. Die Abwanderung hat dagegen von 2010 bis 2012 jährlich um etwa 700 bis 900 Personen abgenommen. Das heißt, es verlassen weniger Menschen die Region als hinzukommen. Seit 2013 sind wir im Plus, auch wenn dieses nur klein ist.

Der Vogelsbergkreis ist also attraktiver geworden?
Ja, wir haben mehr Zuzug als Wegzug.

Wie erklären Sie sich das?

Viele Leute arbeiten im Ballungsgebiet, das ist mit viel Zeit, Kosten und Risiko verbunden. Wenn sie eine Chance haben, in der Region einen Arbeitsplatz zu bekommen, dann kommen sie zurück und nehmen dafür sogar teilweise weniger Lohn in Kauf.
Eine Schwierigkeit ist die Abwanderung der Gymnasiasten. Die jährlich 200 bis 300 Studierenden sind weg. Wir wollen versuchen, sie durch duale Studiengänge hier zu halten.

Sie sollen einmal gesagt haben, im Kreis gibt es attraktive Firmen, die Leute ziehen aber lieber in den Kreis Fulda.

Das ist richtig. Oberzentren wie Fulda haben eine magische Anziehungskraft: Beim Einkaufen, dem Kultur- und Freizeitangebot haben sie mehr zu bieten als etwa Lauterbach oder Schlitz.

Gibt es auch hausgemachte Fehler? Vergleicht man zum Beispiel die Entwicklung von Lauterbach und Hünfeld, hat Hünfeld immer die Nase vorn. Lauterbach wirkt verschlafen.

Für mich ist es schwierig, etwas zu Lauterbach zu sagen (lacht). Vielleicht haben die Örtlichen nicht weit genug in die Zukunft geblickt, um für die Menschen attraktiv zu bleiben. Man muss aufpassen, dass man sich nicht totspart. Das kostet ein Stück Lebensqualität. Zukunftsperspektiven hat man nur, wenn ich den Bürgern das Gefühl gebe, hier stimmen Schule, Kulturangebote und Vereinsleben. Lauterbach müsste nach Hünfeld, Alsfeld nach Bad Hersfeld schauen, um zu sehen, was andere Kommunen machen. Die Oberzentren werden die kleinen Städte mit ihrer Marktmacht immer majorisieren. Man muss aber darauf bedacht sein, dass man ein bestimmtes Angebot vor Ort hält.

Wenn Sie die Vorzüge des Vogelsbergkreises in aller Kürze herausstellen sollen, welche Schlagworte würden Sie wählen?

Zunächst die Natur und der Vulkan und dann die attraktive Kleinteiligkeit der Unternehmen mit ihren Innovationen aus der Region.

Als Schutzschirmkommune steht Sparsamkeit beim Vogelsbergkreis hoch im Kurs. Nun erfolgt der Schuldenabbau schneller gedacht.

Ich habe den Kreis 2012 übernommen. 2011 mussten wir noch ein Minus von knapp 13 Millionen Euro hinnehmen, 2014 lag das Minus bei 4 Millionen, im ordentlichen Haushalt sogar nur bei 1,5 Millionen Euro. Wenn wir die Krankenhausproblematik – wo wir seit 2012 jährlich mindestens 2 Millionen, im ersten Jahr sogar 4 Millionen Euro hinzugegeben haben – rausnehmen könnten, wären wir fast auf der schwarzen Null. 2015 wird nicht ganz so gut, aber wir sind ein ganzes Stück besser geworden. Ziel bleibt der Haushaltsausgleich.

Sie haben das Kreiskrankenhaus Alsfeld angesprochen. In Lauterbach gibt es das Eichhof-Krankenhaus. Wie sehen Sie die Zukunft der Krankenhauslandschaft im Vogelsberg?

Ich habe große Hoffnungen in eine Zusammenarbeit mit den Kliniken Fulda und Bad Hersfeld gesetzt. Fulda hat die Erwartungen erfüllt, das Problem war Hersfeld. Dort wollten sie eine eigene Lösung. Zu diesem Zeitpunkt war der Vertrag unterschriftsreif. Das ist ärgerlich, weil wir zwei Jahre Arbeit über Bord geworfen haben – und nun ist die Hersfelder Klinik, wie man hört, wieder allein.
Wir haben das Interessensbekundungsverfahren auf den Weg gebracht. Es hat Angebote gegeben, die wir jetzt auswerten. Ich hoffe, dass wir einen Weg finden werden.

Welche Krankenhaus-Angebote möchten Sie halten?
Wir sind ein Haus der Grundversorgung. Deshalb macht es Sinn, uns mit einem Haus der Maximalversorgung zusammenzutun, weil diese ein Spektrum haben, das über unseres hinausgeht. Wir haben Chirurgie, Notfallchirurgie, Gefäßchirurgie, Geriatrie, Gynäkologie, Geburtsstation und HNO. Es muss mit einem Partner abgestimmt werden, was wo angeboten wird. Die Grundversorgung wollen wir aber beibehalten.
Im Kreis haben wir mit dem Krankenhaus Schotten, der Oberwaldklinik in Grebenhain und der Vogelsbergklinik in Ilbeshausen weitere Krankenhäuser. Die CDU meint mit ihrem Vorschlag eher die Lauterbacher Lösung. Man muss bei dieser Frage die Größe unserer Fläche sehen und die abnehmende Bevölkerung. Ein Wachstum bei den Patientenzahlen passt nicht zu einer weniger werdenden Bevölkerung.

Sie sind jetzt seit etwas mehr als drei Jahre Landrat. Haben Sie Ihren Traumjob gefunden?

Hätten Sie mich das vor einigen Wochen gefragt, hätte ich mit Ja geantwortet. Im Moment ist es ein bisschen schwierig, aber ich bin eher ein praktischer Mensch. Ich habe mir vier Jahre Wiesbaden angetan, wo die Arbeit eher theoretischer Natur war. Man sieht nicht, was rauskommt. Hier kann man dagegen viel umsetzen. Man muss aber hartnäckig sein, und es dauert einen Moment. Inzwischen ist aber meine Linie jedem bekannt.

Welche Projekte haben Sie sich für die zweite Hälfte Ihrer Amtszeit vorgenommen?

Wir müssen eine Lösung für das Kreiskrankenhaus finden. Vermutlich wird es zumindest einen Verbund mit einem großen Haus geben. Ohne einen solchen Partner wird es für alle Häuser schwierig, da der Druck auf die kleinen Krankenhäuser auch durch die gesetzlichen Änderungen größer wird. Der Aufwand bei einem 180-Betten-Haus für einen bestimmten Standard ist höher als bei einem 900-Betten-Haus. Ich habe den Auftrag, das Alsfelder Krankenhaus aufrechtzuerhalten. Notfalls müsste es allein geführt werden, was schwieriger wäre.

Welche weiteren Ziele haben Sie?

Wenn wir die Breitbandversorgung nicht hinkriegen, wird die wirtschaftliche Entwicklung zurückgehen. Als ich selbst die Geschäftsführung der Breitbandgesellschaft übernommen habe, habe ich nicht damit gerechnet, dass solch ein erheblicher Aufwand damit verbunden ist. Wir müssen Glasfaser in jedes Dorf bringen. Das ist Pflicht und eine sportliche Aufgabe. Sie kostet eine Menge Geld und soll sich rechnen, obwohl nur relativ wenige Menschen angeschlossen werden können. Dennoch sind wir auf einem guten Weg und wollen 2016 mit dem Ausbau beginnen.
Zudem möchte ich, dass sich die wirtschaftliche Entwicklung stärker in unserem Image niederschlägt. Wir haben nicht nur Vulkan, Natur und Wanderwege. Hier kann man gut leben, hat günstige Bedingungen, für die Kinder alle Schulmöglichkeiten und es gibt vernünftige Arbeitsplätze. Diese Lebensqualität wollen wir in den Blick rücken. Außerdem streben wir endlich den Haushaltsausgleich an. Mit der neuen Situation wird dies aber schwieriger werden.

In wenigen Monaten ist Kommunalwahl. Wie funktioniert die Koalition?

Die Koalition funktioniert reibungslos. Punkte wie die Haushaltskonsolidierung und viele Projekte hat sie mit angestoßen. Die Grünen hatten bei der letzten Wahl ein gutes Ergebnis und die Freien Wähler sind von der CDU in unsere Koalition gewechselt. Das ist eine große Bandbreite. Ich wünsche mir, dass wir die Koalition fortsetzen – das entscheidet aber der Wähler. Wichtig ist für mich, dass wir stabile Verhältnisse haben.

2011 bestimmte Fukushima den Wahlausgang entscheidend mit. Wird diesmal die Flüchtlingskrise den Ausschlag geben?

Sie wird den Wahlausgang heftig beeinflussen. Es ist die erste Wahl, wo die Bürger ihre Gefühle ausdrücken können.

In welche Richtung wird das sein?

Das lässt sich schwer sagen. Viele werden ihren Protest ausdrücken wollen und vielleicht eine andere Partei wählen oder gar nicht wählen gehen.

Wie sehr bindet die Flüchtlingskrise den Landrat Görig?

Zu 95 Prozent am Tag und in der Nacht. Ich war bei den Ankünften immer dabei – in fünf bis sechs Nächten. Auch die Wochenenden sind weg. Ich habe meinen Urlaub abgesagt. Das gilt auch für manche Kolleginnen und Kollegen in der Verwaltung.

Ist die Belastbarkeit der kommunalen Familie erreicht?

Sie ist überschritten, auch die der Ehrenamtlichen, die ihre Freizeit opfern und sich von ihren Arbeitgebern freistellen lassen müssen.

Haben Sie Verständnis für Ihren Kollegen im Main-Taunus-Kreis, der den Notstand ausgerufen hat?

Das kann ich verstehen vor dem Hintergrund, welche Gebäude ich in Beschlag nehmen kann. Bei uns war es eine Anweisung des Innenministeriums an die Untere Katastrophenschutzbehörde.

Sehen Sie mittelfristig eine Entspannung der Situation?


Ich glaube nicht, dass es sich entspannt. Es gibt auch keine Beschlüsse in Berlin oder Brüssel, die zu einer Entspannung führen könnten. Wir werden weitere Zuweisungen an Flüchtlingen erhalten.
Wir haben schon 900 Flüchtlinge zugewiesen bekommen, bis zum Jahresende werden es weitere 500 sein. Hinzu kommen 94 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, die wir im Kreisjugendheim Landenhausen unterbringen. Das geht nur, weil wir dort umgebaut haben.

Ihr Fuldaer Kollege Woide hat gesagt, er werde keine Turnhallen belegen. Sehen Sie das für den Vogelsbergkreis ähnlich?

Ich würde es anders sagen. Wir mussten in der Kürze der Zeit innerhalb von 72 Stunden für 1000 Menschen Plätze schaffen. Nun ist die Grenze überschritten. Ich kann nicht noch einmal eine solche Aktion fahren – ich kann auch nicht nochmal die Ehrenamtlichen in Anspruch nehmen. So kann es nicht weitergehen.

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