Bild Ueberschrift
Schritt für Schritt werden die Jugendlichen mit verschiedenen Tätigkeiten vertraut gemacht und wachsen so in den Arbeitsalltag hinein. Im Hintergrund links Geschäftsführer Martin Becker. Foto: Plappert
Jugendlichen mit schwächerem Abschluss "Perspektiven für die Zukunft vermitteln"
Von: Bertram Lenz
"Perspektiva" ist fest in Region verankert / 64 Unternehmen als Gesellschafter / In elf Jahren über 60 Arbeitsplätze geschaffen

Fulda. Vom "Fördern" und "Fordern" ist heutzutage sehr häufig die Rede. Dies besonders dann, wenn es um den Umgang mit und um die Zukunft benachteiligter Jugendlicher geht. Der Förder-Begriff taucht auch im Zusammenhang mit einem vielfältig tätigen Netzwerk heimischer Unternehmer, sozialer Institutionen und engagierter Bürger auf, das sich 1999 in Fulda als Perspektiva gGmbH gegründet hat – der Fördergemeinschaft Theresienhof für Arbeit und Leben.


Dieser gemeinnützige Zusammenschluss steht Heranwachsenden mit Sonderschul- oder schwachem Hauptschulabschluss unterstützend zur Seite, um vor allem beruflich (aber auch privat) ein eigenständiges Leben zu führen. Vielen der sogenannten "Problem"-Jugendlichen konnte in den vergangenen Jahren eine Arbeitsstelle verschafft und ihnen damit – so der Fuldaer Landrat Bernd Woide bei der Übergabe eines Förderbescheides in Höhe von 20000 Euro anlässlich des zehnjährigen Bestehens – "Perspektiven für die Zukunft vermittelt werden". Woide fügte hinzu: "So etwas wie Perspektiva gibt es in anderen Regionen nicht. Hierfür sind wir bereit, kommunales Geld in die Hand zu nehmen." Perspektiva ist fest in der Region verwurzelt und wird getragen insbesondere von den Verantwortlichen kleiner und mittelständischer, zumeist Inhaber geführter Unternehmen, die als Gesellschafter (inzwischen sind es 64) Brücken bauen wollen zwischen ihnen und den Jugendlichen.

So wurden über 60 neue (Hilfs)-Arbeitsplätze geschaffen und den jungen Menschen Unterstützung dabei gegeben, nicht nur Geld zu verdienen, sondern auch Selbstbewusstsein und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu erlangen. Einem Kuratorium gehören die Repräsentanten der Arbeitsverwaltung, von Industrie- und Handelskammer, der Kreishandwerkerschaft, des Landkreises und der Stadt Fulda, der Liga der Freien Wohlfahrtspflege und des Staatlichen Schulamtes an. Gefördert wird Perspektiva von der Agentur für Arbeit, dem Integrationsamt, dem Europäischen Sozialfonds und engagierten Bürgern.Warum die Impuls gebende Idee des Netzwerkes so gut umgesetzt wurde, auch nach knapp elf Jahren noch hervorragend funktioniert und Anfragen aus anderen Regionen nach sich zieht, erklärt Geschäftsführer Michael Becker, der seit 2000 für Perspektiva tätig ist: "Die beteiligten Unternehmer identifizieren sich sehr mit dieser Sache und haben untereinander ein richtiges Wir-Gefühl und ein hohes Verantwortungsbewusstsein für die jungen Menschen entwickelt." Dies werde auch immer deutlich bei den zweimal jährlich stattfindenden Unternehmer-Foren, die auch dazu dienen, dass sich die Jugendlichen den engagierten Geschäftsleuten vorstellen, man miteinander ins Gespräch kommt und sich so vielleicht eine Möglichkeit des Miteinander-Arbeitens ergibt. Becker: "Die Begegnung untereinander ist ganz wichtig." Der 55-Jährige unterstreicht zudem die gute Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit Fulda und dem Amt für Arbeit und Soziales. Eine besondere Rolle bei dem sogenannten Drei-Phasen-Modell von Perspektiva spielt der Theresienhof in der Maberzeller Straße – ein früherer Bauernhof, der einst den Vinzentinerinnen gehört hat. Hier erlernen die Jugendlichen bei Baumschul- und Hoftätigkeiten sowie wechselnden Auftragsarbeiten heimischer Betriebe Schlüsselqualifikationen wie Zuverlässigkeit, Ordnung, Belastbarkeit, Zeitplanung, Aufgabenteilung, Sozialverhalten, Konfliktbewältigung sowie Team- und Kommunikationsfähigkeit. Denn eines wird bei Perspektiva vorausgesetzt: "Die jungen Leute müssen den Willen haben, sich fördern zu lassen, und sie müssen motiviert sein zur Mitarbeit", so Becker.

Nach diesem zwölf Monate dauernden Aufenthalt und nachdem Kontakte mit Unternehmern erfolgreich verlaufen sind, folgt eine etwa zweijährige Phase der Einarbeitung und Qualifizierung in den Betrieben, wobei die besonderen Stärken und Schwächen eines Jugendlichen berücksichtigt werden. Schritt für Schritt wird der Betreffende mit den Tätigkeiten vertraut gemacht und wächst so in den Arbeitsalltag hinein. Geschäftsführer Becker: "Ein solcher Mitarbeiter kann sehr zu einem guten Betriebsklima beitragen, zumal die anderen Beschäftigten sehen, dass auch Schwächeren eine Chance gegeben wird und Mitmenschlichkeit nicht nur eine hohle Phrase ist." Nach erfolgreicher Qualifizierung und als Anerkennung seiner Eignung wird der Jugendliche von dem Betrieb übernommen und erhält einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Mit seinem Lohn kann er seinen Lebensunterhalt jetzt selbst bestreiten und seine Lebensperspektiven unabhängig gestalten. Perspektiva bleibt dabei Kontakt haltend im Hintergrund, zumal der berufliche Weg bei einigen Jugendlichen an Problemen im häuslichen und privaten Umfeld scheitern kann. Hier kommen dann besondere fachliche Hilfen im Rahmen einer sozialen Begleitung zum Tragen, wobei die individuelle Unterstützung sogar die Bereitstellung von Wohnungen und die Anleitung zum möglichst eigenständigen Wohnen beinhalten kann. Ein weiterer, wichtiger großer Schritt wurde Ende 2006 mit der Einweihung des Projekts "Kronhof" vollzogen, wo gemeinsam mit dem Antoniusheim 14 sogenannter Trainingswohnungen eingerichtet worden sind. Für die Zukunft hofft Michael Becker darauf, dass sich noch weitere Unternehmer dem Netzwerk von Perspektiva anschließen, "Nischen-Arbeitsplätze" zur Verfügung stellen und schwächeren Jugendlichen so weiterhin eine Chance und Lebensperspektive geben. Ein Knackpunkt freilich sei noch nicht gelöst – trotz persönlicher Intervention beispielsweise beim Bundespräsidenten oder auch bei den zuständigen Bundes- und Landesministern: die Mindestlohnforderungen. Denn es stelle ein Problem dar, die jungen Leute "gerecht" zu entlohnen, wenn diese nur 60 bis 70 Prozent der Arbeitskraft eines regulär Beschäftigten bewältigen könnten, der Tarifvertrag aber von 100 Prozent ausgehe.



Schreiben Sie uns


Möchen Sie weitere aktuelle Informationen über den Landkreis Fulda erhalten? Dann klicken Sie bitte hier...
 
Bild Herz Jesu Krankenhaus